Interview mit Benimm-Experte Herbert Schwinghammer

Herbert Schwinghammer

Herbert Schwinghammer

Knigge modern: Achtsames und respektvolles Verhalten

Der Ratgeber-Autor und Benimm-Experte Herbert Schwinghammer, Verfasser des Ratgebers „Knigge kompakt“, sieht im gegenseitigen Respekt und achtsamen Umgangston die Basis für ein harmonisches Zusammenleben und vermittelt praktische Tipps für das richtige Verhalten in allen Lebenslagen, u.a. in Beruf und Kommunikation sowie bei Tisch: „Auch wenn heutzutage viel mehr erlaubt ist als vor hundert Jahren, ist es immer noch wichtig, mit den richtigen Umgangsformen und den Regeln für gutes Benehmen vertraut zu sein. Ein sicheres und gefälliges Auftreten ermöglicht ein angenehmes Miteinander in allen Lebensbereichen, öffentlich wie privat; vor allem aber ist es unabdingbar, wenn man beruflichen Erfolg anstrebt.“

„Knigge“ gilt als Synonym für gutes Benehmen und richtige Umgangsformen. Wo steht Ihr Ratgeber noch in der Tradition des Aufklärers Adolph Freiherr von Knigge, und an welche Zielgruppe wenden Sie sich heute?

Schwinghammer: Was wir heute als Umgangsformen nach Knigge betrachten, sind eher gesellschaftliche Entwicklungen im Miteinander, die nach der Zeit Knigges entstanden sind. Allerdings hat Freiherr von Knigge den Grundstein dafür gelegt. Er hat sein Werk aber eher gesellschaftspolitisch verstanden und sich kaum um Details gekümmert. So stellt sich für mich der Begriff „Knigge“ als Symbol für ein harmonisches Zusammenleben dar, ohne dass der Bezug zur Person Knigges zu sehr strapaziert werden sollte. Meine Zielgruppe ist nicht nach Alter definiert, denn auch junge Menschen sollten wissen, dass gutes Benehmen und richtige Umgangsformen viele Probleme im Miteinander gar nicht erst aufkommen lassen.

Vieles, was früher selbstverständlich war, scheint heute überholt. Andererseits wird wieder großen Wert auf Stil und Umgangsformen gelegt. Ist gutes Benehmen wieder „in“?

Schwinghammer: Natürlich sind nicht mehr alle Aspekte guter Umgangsformen, wie man sie beispielsweise im 19. Jahrhundert als selbstverständlich betrachtet hat, noch heute gültig. Jede Zeit entwickelte eigene Verhaltensformen, die aber alle im Kontext eines vernünftigen Miteinanders standen. Sie waren abhängig von der politischen und gesellschaftlichen Situation und deshalb früher häufig mit dem Zwang verbunden, die bestehenden Regeln auch einzuhalten. Diese äußeren Zwänge sind in unserer Zeit nicht mehr vorhanden, aber es kann auch heute noch weitreichende Folgen im gesellschaftlichen Bereich haben, wenn man die durchaus noch vorhandenen Verhaltensregeln missachtet. Was früher handfeste Formen einer Ächtung nach sich ziehen konnte, kann heute subtilere Folgen haben, die sich aber ebenso negativ, beispielsweise auf das berufliche Fortkommen, auswirken können. So war gutes Benehmen nie wirklich „out“, sondern ist nach wie vor „in“.

Das moderne Kommunikationsverhalten hat die Beziehungen zwischen den Menschen dramatisch verändert. Dank Handy, E-Mail und Internet sind ständig alle mit allen in Kontakt – aber wissen wir auch, wie man miteinander umgeht?

Schwinghammer: Ein gutes Miteinander hängt nicht von den Kommunikationsformen ab, sondern vom Willen, miteinander gut umzugehen. Den häufigen Kontakt, den wir heute vor allem über die verschiedenen Kurznachrichten-Dienste pflegen, verkürzt automatisch den Umfang des jeweiligen Kontakts, ergibt aber in der Summe eine beachtliche Menge, wenn man sie in Zeichen zählen wollte. Ein Briefwechsel aus der alten Zeit hat in der Regel eine solche Zeichenzahl nicht erreicht. Aber die Förmlichkeit, zu der man sich in einem Briefwechsel genötigt sah, ist im SMS-Austausch verschwunden. Manche werden das bedauern – dazu gehöre ich persönlich nicht, denn ich sehe die Unmittelbarkeit der modernen (schriftlichen) Kommunikationsformen als extrem wohltuend an. Natürlich dürfen die normalen Umgangsformen dabei nicht in den Hintergrund treten, aber das war ja früher allein durch das Mittel der Kommunikation auch nicht gewährleistet.

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Knigge Kompakt

Welche Regeln halten Sie für besonders wichtig bei der virtuellen Kommunikation?

Schwinghammer: Ich kann keine Unterschiede zwischen den Kommunikationsformen erkennen, die die Wichtigkeit der Regeln des Miteinanders betreffen. Grundlegend sind vor allem der Respekt vor dem Anderen und der normale Umgangston. Wenn die Häufigkeit der Kommunikation es mit sich bringt, dass man beispielsweise nicht jeden Kontakt mit einer Grußformel beginnt, dann sind meines Erachtens diese Regeln damit nicht verletzt. Allerdings bleiben Beleidigungen und andere Pöbeleien, was sie sind, ob sie nun im virtuellen Raum, auf Papier oder mündlich ausgesprochen werden.

Im Berufsleben sind gutes Benehmen und situationsgerechtes Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen, Geschäftspartnern und Kunden unabdingbar. Worauf sollte man großen Wert legen, um die eigene Karriere nicht zu sabotieren?

Schwinghammer: Das Verhalten im Berufsleben stellt wohl die größte Herausforderung dar, wenn man alles richtig machen will. In diesem Bereich gehört dazu ein gehöriges Maß an Fingerspitzengefühl, vor allem wenn man auf vielen Ebenen (Vorgesetzte, Kollegen, unterstellte Mitarbeiter) Kontakte knüpfen und pflegen muss. Eine sehr komplizierte Ebene ist auch der Umgang mit Geschäftspartnern, weil es hier auch noch um das wirtschaftliche Interesse des Unternehmens geht. Es ist eine schier unlösbare Aufgabe, es allen recht zu machen, und es wird alles gefordert, was ein gutes Miteinander ausmacht. Zudem erfordert das Berufsleben eine gewisse Einfühlsamkeit in die Psyche anderer Menschen, um die richtige Herangehensweise im Normalfall, aber auch bei Problemen zu finden. Dabei kann Ihnen mein Ratgeber weiterhelfen; darüber hinaus können Sie sich coachen lassen, wenn das richtige Verhalten im Beruf für Sie weit oben auf der Liste der Notwendigkeiten steht.

„Kleider machen Leute“ ist eine Binsenweisheit, die aber nach wie vor in den meisten Lebensbereichen von entscheidender Bedeutung ist. Wie kann es gelingen, bei jedem Anlass eine „gute Figur“ zu machen, ohne die eigene Persönlichkeit dabei zu vernachlässigen?

Schwinghammer: Man sollte die Kleidung kaufen, die zum eigenen Typ passt, zu welchem Anlass auch immer. Natürlich muss die Kleidung angemessen sein, aber die eigene Persönlichkeit darf und sollte immer zur Geltung kommen. Es ist ja heute nicht mehr so, dass die Mode eine enge Bandbreite aufweist – vieles ist erlaubt und lässt dem modebewussten Menschen Spielraum, die eigene Persönlichkeit mit der Kleidung zu unterstreichen. Wenn Sie sich nicht sicher sind, lassen Sie sich bei der Zusammenstellung Ihrer Kleidung und hinsichtlich der Qualität beraten.

Tischsitten und korrektes Essverhalten wecken bei vielen manchmal unangenehme Erinnerungen an die Kindheit, als der „leere Teller“ als das oberste Gebot galt. Warum sind der gekonnte Umgang beim Essen und die gemeinsame Mahlzeit auch heute noch so wichtig?

Schwinghammer: Nicht nur im Restaurant ist es angenehm, wenn alle Beteiligten die Regeln bei Tisch einhalten. Kaum etwas kann abstoßender wirken als unästhetisches Verhalten beim Essen in Gesellschaft – dazu gehört durchaus auch das Essen zu zweit. Wer verhindern will, dass durch ein solches Verhalten möglicherweise persönliche Weichenstellungen in eine unerwünschte Richtung zustande kommen, der sollte sich um ein korrektes Verhalten am Tisch bemühen. So viel ist es ja gar nicht, was man lernen muss, um den Tischsitten gerecht zu werden. Das Augenmerk sollte vor allem auf die Ästhetik gerichtet werden – es ist schon viel getan, wenn sich das Gegenüber ungestört dem kulinarischen Genuss hingeben kann. Den Zwang aufzuessen, wie er in der Kindheit häufig aus Sorge von den Eltern ausgeübt wurde, darf man als Erwachsener ruhig vergessen. Denn es hilft niemandem, wenn man sich mit Mühe und Widerwillen auch noch den letzten Rest des Essens einverleibt.

Im Grunde geht es beim guten Benehmen ja gar nicht so sehr um die Einhaltung starrer Regeln, sondern um den Respekt vor dem jeweiligen Gegenüber. Was empfehlen Sie, wenn jemand sich unsicher in neuen Situationen oder bei besonderen Anlässen fühlt?

Schwinghammer: Das Erlernen der „starren“ Regeln, wie Sie es nennen, kann durchaus hilfreich sein: Es schenkt Sicherheit im Auftreten, weil man weiß, wie es richtig ist. Alles andere kommt mit der Zeit von selbst, wenn man sich selbst und andere beobachtet, an sich feilt und eine gewisse Lockerheit erreicht. Das ist wie in vielen Angelegenheiten des Lebens – die Übung macht es aus. Wer die „starren“ Regeln kennt, kann sich mit der Zeit erlauben, sie nicht mehr ganz so streng auszulegen und seinen eigenen Stil im sinnvollen und unanstößigen Rahmen zu kreieren.

Literaturtipp:

Herbert Schwinghammer: Knigge kompakt – Richtige Umgangsformen und gutes Benehmen in jeder Lebenslage, Kompakt-Ratgeber, Mankau Verlag, 1. Aufl. September 2015, Klappenbroschur, 11,5 x 16,5 cm, durchgehend farbig, 127 S., 7,99 Euro

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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