Interview mit der Kochbuchautorin und Ernährungsexpertin Rose Marie Donhauser

Rose Marie Dornhauser

Rose Marie Dornhauser

„Es ist ungesund, jeden Tag Fleisch zu essen“

Die renommierte Kochbuchautorin und Restauranttesterin Rose Marie Donhauser, Autorin des handlichen Ratgebers „Vegan kompakt“, begrüßt die Entwicklung, dass sich unsere Gesellschaft heute kritischer und sensibler mit der Qualität und Herkunft unserer Lebensmittel auseinandersetzt, und weiß guten Rat, wie vegane Ernährung abwechslungsreich und genussvoll gelingen kann: „Immer mehr Menschen entscheiden sich für eine vegane Lebensweise, meist aus gesundheitlichen Gründen und/oder wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber der Massentierhaltung. Man muss sich als Veganer gut informieren, um sich mit allen wichtigen Nährstoffen zu versorgen und nicht über ‚verstecktes Tier‘ zu stolpern. Jedoch muss man in keinster Weise auf echten Genuss verzichten – mit hochwertigen Lebensmitteln und einfachen, aber raffinierten Rezepten wird vegane Ernährung zu einer wahren Freude.“

Vegetarische Ernährung oder auch vegane Lebensweise liegen derzeit voll im Trend. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe für diesen Sinneswandel?

Rose Marie Donhauser: Menschen drücken mit ihrer Ernährung ihre Meinung aus. Sie verwenden Lebensmittel dazu als Stilmittel: Wie wir uns ernähren, zeigt, wer wir sind. Neben gesundheitlichen Kriterien wie Allergien oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten wird klar vermittelt, dass man gegen Massentierhaltung ist und für diese kritische Einstellung auch etwas tun will. Es gibt also zwei Typen: Den Gesundheits-Veganer oder den politisch motivierten Umweltschützer – beides schließt sich allerdings nicht aus.

Ovo-Lakto-Vegetarier, Veganer, Frutarier – es gibt vielfältige Weisen, sich fleischlos zu ernähren. Welche Unterschiede und Besonderheiten gibt es unter den menschlichen „Pflanzenessern“?

M. Donhauser: Es gibt Eier-Milch-Vegetarier, Ovo-Vegetarier, die nicht auf Eier verzichten möchten, dafür aber keine Milchprodukte essen, Lacto-Vegetarier, die Milchprodukte verzehren, aber keine Eier, hundertprozentige Pflanzenesser, also „Veganer“, und Frutarier, auch Fruganer genannt, die sich konsequenterweise ausschließlich mit auf natürlichem Wege vom Baum zu Boden gefallenem Obst ernähren. Erwähnenswert ist dabei, dass Ernährungswissenschaftler vor Frutarismus warnen: Er birgt ein hohes Gesundheitsrisiko, weil die Versorgung mit Calcium, Proteinen und Vitamin B12 nicht ausreichend gegeben ist. Rohköstler essen roh, d.h. kein Lebensmittel wird über 42 Grad erhitzt. In Bezug auf hundertprozentige Pflanzenkost wird von Rohveganern gesprochen, denn sich rohköstlich zu ernähren, kann auch Fleisch, Fisch und Eier beinhalten. Erwähnenswert sind außerdem noch die „Freeganer“, die gegen die Verschwendung von Lebensmitteln protestieren und sich bewusst aus Abfällen von Supermärkten etc. ernähren.

Sie stammen selbst von einem oberbayerischen Landgasthof und haben die Gastronomie von der Pike auf erlernt. Wie schätzen Sie als Expertin die gegenwärtige Entwicklung der Ernährungskultur ein?

M. Donhauser: Wir interessieren uns mehr und mehr für die Produkte, die wir essen. Lebensmittelkonzerne haben uns zu viel „untergejubelt“ in Form von Nahrungsmittelzusätzen, sodass wir kritischer und sensibler geworden sind. Grundsätzlich gefällt mir die neue Herangehensweise an unsere Ernährung: Gesundes Streetfood, oft mit internationalen Einflüssen, Qualität vor Quantität und mehr Diskussionen über unser tägliches Essen finden statt. Der Trend von Food als neue Popkultur ist deutlich zu spüren.

Vegane Ernährung begegnet oft dem Vorurteil, dass Mangelerscheinungen bei der Nährstoffversorgung auftreten. Worauf muss man denn besonders achten, wenn man ganz auf tierische Produkte verzichten will?

Vegan Kompakt

Vegan Kompakt

M. Donhauser: Sich fleischlos zu ernähren, heißt nicht, jeden Tag Tofu zu essen. Abwechslung ist immens wichtig, um eine gute Mischung mit allen wertvollen Inhaltsstoffen zu bekommen. Vielfach haben Veganer mit der Versorgung von Vitamin B12 Probleme. Hierbei sollte man sich jährlich einem Bluttest beim Arzt unterziehen, um eventuellen Mangel auszugleichen. Es gibt angereicherte vegane Lebensmittel mit Vitamin B12, manche nehmen auch B12-Tabletten oder greifen auf Kombiprodukte zurück.

Immer mehr Fleischproduzenten gehen selbst dazu über, pflanzliche Alternativen zu herkömmlichen Grillsteaks oder Wurstwaren zu produzieren. Was halten Sie als Restauranttesterin und Kochbuchautorin von Sojaschnitzel & Co.?

M. Donhauser: Generell ist es nicht gesund, jeden Tag Fleisch zu essen. Darauf sollten auch Mischköstler achten und möglichst viel Gemüse und Obst verzehren. Pflanzliche Alternativen wie Sojaschnitzel & Co. sind sicherlich sowohl für Veganer als auch für Mischköstler zu empfehlen. Zudem kommt es immer auf die Produzenten an. Welche Qualität, welche Inhaltsstoffe? Ich habe schon sehr gute Erfahrungen mit Fertigprodukten als pflanzliche Alternative gemacht.

Nicht immer ist es einfach, auf sämtliche Produkte mit tierischen Inhalts- oder Hilfsstoffen zu verzichten, da diese oft gut versteckt oder sogar unbekannt sind. Mit welchen Überraschungen muss man als Veganer rechnen?

M. Donhauser: Wer sich zu dem Schritt, vegan zu essen, entschlossen hat, wird automatisch viel mehr auf die Inhaltsstoffe achten. Es kommt auch darauf an, wie ernst und konsequent das Thema persönlich umgesetzt wird. Dem einen reicht es, Fleisch, Fisch, Eier, Honig und Milch komplett aus dem Speiseplan zu streichen. Einem anderen geht dies nicht weit genug und dieser lebt auch in anderen Bereichen konsequent vegan: Von Kleidung bis Kosmetik, von Putzmitteln bis Medikamenten, alles wird genauestens recherchiert. Überraschungen kann es überall geben, ob Schweineschmalz im Laugengebäck (Brezen) oder Gelatine in Gummibärchen. Oder zum Beispiel Wein: Viele wissen nicht, dass Weine mit Eiweiß oder Fischblase geklärt werden. Mittlerweile gibt es jedoch auch ganz gute vegane Bio-Weine.

Wer viel unterwegs ist, hat oft Schwierigkeiten, sich konsequent pflanzlich und fleischlos zu ernähren. Welche veganen Möglichkeiten gibt es, sich im Büro oder auf Geschäftsreise gut und lecker zu versorgen?

M. Donhauser: In Großstädten ist es kein Problem mehr, vegan zu leben. Berlin beispielsweise ist die europäische Hauptstadt der Veganer: Jeder Supermarkt, jeder Bio-Markt und jede Bio-Bäckerei kennzeichnen die „veganen Einkaufsecken“ und bieten dementsprechend auch viele vegane Snacks für unterwegs an. Ich persönlich mache die Erfahrung, dass es immer gut ist, eine Tüte Mandeln, gemischte Nüsse, Studentenfutter oder gemischte Trockenfrüchte in der Tasche dabei zu haben. Frisches Gemüse und Obst, auch verzehrfertig verpackt, gibt es überall im Angebot. Für eine Geschäftsreise empfehle ich, vorher zu googeln, was es vor Ort an veganen Adressen gibt oder zu empfehlen ist. Und fürs Büro: In meinem Ratgeber habe ich viele schnelle Rezepte für Speisen zusammengestellt, die gut transportiert werden können.

Lange herrschte das Bild vor, dass sich Gesundheit und Genuss gegenseitig ausschließen. Woher bekommen Sie die Inspirationen, um mit raffinierten Rezepten das Gegenteil zu beweisen?

M. Donhauser: Ich bin viel auf Reisen, teste sehr viele Restaurants und bekomme dadurch die kulinarischen Trends gut mit. Es wird mehr und mehr wieder saisonal und regional gekocht. Ich muss zum Beispiel keinen Spargel im Winter haben, im Gegenteil, ich freue mich jedes Jahr auf die neue Saison. Gesundheit und Genuss gehören für mich zusammen.

Literaturtipp
Rose Marie Donhauser: Vegan kompakt, Mankau Verlag, 1. Aufl. September 2015, Klappenbroschur, durchgehend farbig, 127 S., 7,99 €

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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