Interview mit dem Schweizer Arzt Dr. med. Daniel Dufour über Beziehungstrauma

Daniel Dufour

Daniel Dufour

Verlassenheit überwinden

Der Schweizer Arzt Dr. med. Daniel Dufour, Begründer der OGE-Methode und Autor des Ratgebers „Liebeskrisen“, beschreibt die Auswirkungen der Verlassenheit auf Liebesbeziehungen und gibt Rat, wie man die Liebe zu sich selbst finden und auf dieser Basis eine erfüllte Partnerschaft aufbauen kann: „Wer sich als Kind verlassen gefühlt hat, trägt in späteren Beziehungen die Angst in sich, erneut verlassen zu werden – er fühlt sich nicht wirklich wert, geliebt zu werden, kann sich oft gar nicht wirklich auf eine Partnerschaft einlassen, braucht aber immer neue Liebesbeweise. Probleme und Krisen sind vorprogrammiert. Daher müssen wir lernen, unsere ‚Denke‘ auszuschalten, die uns von der Gegenwart, von uns selbst und unseren Gefühlen abschirmt. Und wir müssen lernen, im Hier und Jetzt zu leben, uns selbst zu erkennen und zu lieben – dann ist auch ein offener, respekt- und liebevoller Umgang mit dem Partner möglich.“

Ihr neues Buch will kein klassischer Beziehungsratgeber zur Gestaltung der „idealen“ Partnerschaft sein. Dennoch gibt es bei der Beschreibung von Beziehungsproblemen immer wieder Übereinstimmungen bei den Betroffenen. Welche sind dies, und was kann man daraus lernen?

Dr. Dufour: Wenn ein Paar eine Krise durchlebt, machen beide Partner sich sehr häufig gegenseitig für das Problem verantwortlich. Außerdem erwartet jeder, vom anderen geliebt zu werden, ohne sich über die eigenen Unzulänglichkeiten Gedanken zu machen. Keiner stellt sich die Frage, ob er nicht selbst die Ursache des Problems ist. Die Wut ob der erlebten Frustration wird meist unterdrückt oder äußert sich in heftigem Zorn. Dadurch verschließt sich der Betroffene gegen sich selbst und folglich gegen jeden echten Austausch mit dem Partner. Es gilt also zuerst einmal, die eigenen Emotionen vor sich selbst zum Ausdruck zu bringen, um anschließend mit dem Partner reden zu können. Das hat zwei Vorteile: Man begegnet sich selbst ruhig und respektvoll und kann offen und von Herzen kommend reden; und man erwartet vom Partner nicht mehr, dass er uns an unserer Stelle liebt.

Das Phänomen der Verlassenheit spielt auch in den „Liebeskrisen“ eine prominente Rolle. Was hat man darunter zu verstehen, und woran erkannt man, dass jemand daran leidet?

Dr. Dufour: Das Thema Verlassenheit spielt eine wichtige Rolle bei den Krisen, die ein Paar durchlebt. Davon Betroffene tragen meist unbewusst die Überzeugung in sich, nicht liebenswert zu sein, also der Liebe nicht wert zu sein. Deshalb sind solche Menschen davon überzeugt, immer wieder verlassen zu werden – egal, was sie tun, wie sie sich verhalten oder wie sie in einer Beziehung funktionieren. Sie leben mit dieser Angst, häufig auch mit einer Art Scham oder Schuldbewusstsein, weil sie wohl etwas Schreckliches getan haben müssen, um diesen Mangel an Liebe von Seiten derjenigen zu verdienen, die ihnen doch eigentlich die Liebe hätten geben müssen, die jedes Kind braucht. Folglich werden diese Menschen in einer Beziehung immer zwischen Extremen schwanken: Sie verlangen ständig vom Partner einen Liebesbeweis, den er um jeden Preis erbringen muss, haben Angst vor dem Alleinsein (sie fürchten sich zum Beispiel vor einer zeitweisen Trennung und vor Abschieden), zeigen die kalte Schulter, sind distanziert oder extrem eifersüchtig. Hinter all dem verbirgt sich die große Unsicherheit, mit der ein Verlassener seine Beziehungen lebt.

Als Überlebensstrategie gegen die Erfahrung der Verlassenheit bildet sich die sogenannte „Denke“ heraus. Wie funktioniert diese, und was sind ihre Vor- und Nachteile für die Betroffenen?

Dr. Dufour: Die „Denke“ ermöglicht dem Verlassenen als Kind zunächst einmal, diese Erfahrung durchzustehen. Man kann sie folgendermaßen beschreiben:

  1. Die Denke schirmt uns von der Gegenwart ab, was für Kinder ein Vorteil ist, denn so können sie der Härte des auferlegten Schicksals entgehen (also dem Mangel an Liebe). Auf lange Sicht führt das aber dazu, dass unsere Gedanken in der Zukunft sind, weshalb wir Angst und Furcht empfinden (hauptsächlich Angst davor, verlassen zu werden). Oder wir verweilen in der Vergangenheit, die mit Schuldgefühlen behaftet ist.
  2. Sie schirmt uns auch von jedweder Emotion ab, von Freude, Trauer und Wut. Das hat für Kinder den Vorteil, dass sie ihre Umgebung (von der sie sich ja nicht geliebt fühlen) nicht mit Geschrei oder Tränen stören. Unterdrückt man seine Emotionen aber langfristig, ist das bekanntermaßen sehr schlecht, denn so entstehen starke Spannungen, die zu körperlichen und seelischen Leiden führen.
  3. Die Denke schirmt uns auch von dem ab, was uns ausmacht, von unserem ureigenen Selbst – unseren Eingebungen, unser schöpferischen Kraft und unserer Begeisterungsfähigkeit. Das führt auf lange Sicht dazu, dass ein Mensch nach den Wünschen oder Bedürfnissen der Gesellschaft oder seiner Umgebung genormt wird. Das macht aus ihm ein angepasstes Wesen, das sich darin gefällt, anderen zu gefallen. Dabei gerät der Mensch, der man wirklich ist, teilweise oder ganz in Vergessenheit.

Die Verlassenheit kann verheerende Auswirkungen auf die Persönlichkeit und das Liebesleben eines Menschen haben und ist Ursache vieler schwieriger Verhaltensmuster. Welche Beziehungsprobleme sind hier zu nennen, und warum hat die Erfahrung von Verlassenheit so nachhaltigen Einfluss?

Dr. Dufour: Ein Verlassener ist zutiefst davon überzeugt, von anderen nicht geliebt werden zu können. Er schwankt zwischen zwei Extremen: Alles tun, um nicht verlassen zu werden, oder sich gar nicht erst wirklich auf die Beziehung einlassen. Es kann also sein, dass er in totaler Abhängigkeit lebt und sich zugunsten des Anderen völlig verleugnet und nicht mehr respektiert. Er kann aber auch wahllos neue Bekanntschaften suchen, weil er (fälschlicherweise) glaubt, dadurch in Sicherheit vor dem Trennungsschmerz zu sein. Genauso gut kann es sein, dass ein an Verlassenheit Leidender den Konflikt sucht, sodass die Partnerschaft immer auf der Kippe steht, obwohl sie nach außen zu funktionieren scheint. Und es kann vorkommen, dass er sich gar nicht erst in einer Beziehung engagiert, um nach deren Ende zu erkennen, dass der ehemalige Partner ganz offensichtlich die Liebe seines Lebens war… Von Verlassenheit Betroffene wechseln problemlos zwischen diesen Extremen hin und her, denn häufig suchen sie die Liebe des Anderen vor allem, um sich ihrer selbst zu versichern.

Um den an Verlassenheit Leidenden – aber nicht ausschließlich diesen – zu helfen, wurde die OGE-Methode entwickelt. Worin besteht das Konzept und wie unterscheidet es sich von anderen Therapieformen?

 Dr. Dufour: Das Wort OGE ist ein Wortspiel, die Umkehr des Wortes „Ego“, und das Ego ist nichts anders als die Denke. Die OGE-Methode soll uns dabei helfen, unsere Eigenständigkeit und damit auch die Person, die wir wirklich sind, zu bewahren oder wiederzufinden. Diese durchdachte Methode ist sehr hilfreich und leicht zu beschreiben, aber nicht ganz so einfach in der Umsetzung, denn unsere Denke ist sehr mächtig. Die Methode ruht auf drei Pfeilern, welche die drei bestimmenden Eigenschaften der Denke umkehren:

  1. Der erste Pfeiler: die Denke ausschalten, um sich im Hier und Jetzt wiederzufinden. Ohne diesen ersten Schritt kann man den zweiten und den dritten nicht machen.
  2. Der zweite Pfeiler: seine Emotionen, also Freude, Trauer und Wut, anerkennen, spüren und ausleben.
  3. Der dritte Pfeiler: das angeborene Wissen, die Intuition und den innersten Kern wiederfinden, denn diese drei machen uns aus.

Das Besondere dieser Methode besteht darin, dass unsere Emotionen wirklich ausgelebt und nicht nur reguliert oder thematisiert werden. Man tut das für sich selbst, allein mit sich, um sich Gutes zu tun und so eine körperliche und seelische Entspannung herbeizuführen. Wenn man so vorgeht, bezeugt man sich selbst die Liebe, die uns erlaubt, uns selbst und folglich auch anderen gegenüber offen zu sein.

Liebeskrisen

Liebeskrisen

Wer sich selbst nicht liebt, kann auch keinen anderen lieben, lautet, vereinfacht gesagt, eine These Ihres Ansatzes. Wie kann es gelingen, zur Selbstliebe zurückzufinden und sich damit auch gegenüber dem Partner zu öffnen?

Dr. Dufour: Wer sich selbst nicht liebt, sucht bei anderen die Liebe, die ihm abgeht. Diese Suche wird immer erfolglos bleiben, denn niemand kann uns an unserer Stelle lieben. Wie schaffen wir es, uns selbst zu lieben? Indem man sich der eigenen Person zuwendet und die Anspannung (die ein Zeichen für die Macht der Denke ist) durch Entspannung ersetzt! Das bedeutet, dass wir im Hier und Jetzt leben müssen, was leichter gesagt als getan ist… Wir leben unsere Emotionen aus und finden uns selbst wieder, mit all unseren Vorzügen und auch mit der Fähigkeit, die Existenz zu erschaffen, die wir uns wünschen, statt eine andere nur zu ertragen… Dann sind wir auch in der Lage, offen mit unserem Partner zu kommunizieren. Wir können seine Liebe annehmen, denn wir sind ihrer würdig, und wir können ihm unsere Liebe schenken, denn jetzt wissen wir, was es heißt zu lieben!

Auch in der modernen Gesellschaft stehen Liebe und Partnerschaft unangefochten an der Spitze der persönlichen Werteskala. Sind es hier nicht auch Erfolgsdruck und überzogene Leistungsansprüche, die Beziehungen scheitern lassen?

Dr. Dufour: Die moderne Gesellschaft neigt in meinen Augen dazu, Leistungsdenken, Mühsal und den schönen Schein aufzuwerten. So räumt sie dem Ego und damit der Denke einen sehr großen Platz ein. Nur zu gern normt sie die Menschen, aus denen sie besteht, nach ihren Vorstellungen, damit sie ihr besser dienen… Aber vergessen wir nicht, dass die Gesellschaft für uns da ist und nicht um ihrer selbst willen besteht, denn sie besteht ja aus jedem und jeder von uns! Kann es sein, dass wir unserer Denke zu viel Platz einräumen, obwohl sie der Inbegriff der Nicht-Liebe ist? Die Antwort ist offensichtlich, genau wie die Schlussfolgerung: Sorgen wir dafür, dass jeder sich bedingungslos liebt, wie er es verdient. Dann werden wir nicht nur in der Lage sein zu LEBEN, sondern auch, die Gesellschaft mitzugestalten.

Buchtipp: Dr. med. Daniel Dufour: Liebeskrisen – Verletzte Gefühle heilen – Beziehungsprobleme lösen, Mankau Verlag, 1. Aufl. Juni 2015, Broschur, 190 S., 14,95 Euro

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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