Interview mit Dr. med. Eberhard J. Wormer über Tinnitus

Dr. Eberhard Wormer

Dr. Eberhard Wormer

„Tinnitus weist auf einen Überforderungszustand hin“

Dr. med. Eberhard J. Wormer, Autor des Ratgebers „Tinnitus. Wie Ohrgeräusche entstehen und wie man sich davon befreit“, hat sich eingehend mit den Ursachen und Therapiemöglichkeiten von Tinnitus auseinandergesetzt und bietet Betroffenen eine hoffnungsvolle Perspektive auf Heilung: „Chronische Ohrgeräusche sind ins Gedächtnis eingebrannte Erinnerungen – das Brandzeichen großer körperlicher oder psychischer Belastungen. Für eine erfolgreiche Tinnitus-Therapie sollte der ganze Mensch miteinbezogen werden, um die belastenden Gedächtnisspuren nachhaltig zu löschen. Mit einer individuellen Mischung ganzheitlicher Angebote gelingt es vielen Tinnitus-Patienten, einen erträglichen Kompromiss mit ihren Ohrgeräuschen zu schließen oder diese ganz zum Schweigen zu bringen.“

Der Tinnitus hat sich laut aktuellen Studien in den letzten Jahrzehnten immer weiter ausgebreitet. Was sind die Gründe für die Häufigkeit dieses Ohrenleidens?

Dr. Wormer: Es sieht so aus, als ob zunehmender Leistungsdruck in Beruf und Alltag eine der Hauptursachen ist. Wir stehen unter Dauerstress. Der hohe Lärmpegel in den wachsenden Städten verschärft das Problem: Da die Ohren immer „offen“ für Hörwahrnehmungen sind, werden sie zwangsläufig zum Stressvermittler. Dauerstress verursacht körperliche Reaktionen, die zu vielfältigen Gesundheitsstörungen beitragen. Somit fungiert ein Tinnitus häufig als Warnsignal, den eigenen Lebensstil und die eigenen Leistungserwartungen zu überprüfen und zu verändern.

Bereits im Altertum wird vom rätselhaften „Klingeln der Ohren“ berichtet, und zahlreiche Künstler und Komponisten litten darunter. Welche berühmten Leidensgenossen sind hier zu nennen, und wie versuchte man damals, den Tinnitus zu behandeln?

Dr. Wormer: Die bekanntesten historischen Tinnitus-Opfer sind Ludwig van Beethoven, Robert Schumann und Bedřich Smetana („Die Moldau“). Die von Pathos und Empfindsamkeit geprägten Epochen der Klassik und Romantik waren besonders anfällig für eine extrem subjektive Interpretation beunruhigender Innengeräusche. Eine Behandlung des Tinnitus existierte damals nicht. Die Betroffenen mussten sich mehr schlecht als recht mit ihrem Leiden abfinden. Obwohl Hippokrates im 5. Jahrhundert v. Chr. bereits das Prinzip der Tinnitus-Maskierung – d. h. einer Art „Überspielung“ des Tinnitus mit einem angenehmeren Geräusch – kannte, gab es in den nachfolgenden Jahrtausenden keine sinnvollen Therapien. Im Extremfall griff man gar zum Skalpell.

Der Tinnitus gilt zwar meistens nur als Symptom, kann aber durchaus ernsthafte Folgeerkrankungen nach sich ziehen. Worauf deuten die Ohrgeräusche hin, und welche Krankheiten können daraus entstehen?

Dr. Wormer: Im Prinzip sind Ohrgeräusche zunächst ein Alarmsymptom, das auf einen Überforderungszustand des Individuums hinweist. Das Symptom Tinnitus hat dann Krankheitswert, wenn Betroffene chronisch darunter leiden und psychosoziale Störungen hinzukommen (Angst, Depression, Schlafstörungen, Berufsunfähigkeit) – bis hin zum Suizid! In dieser Hinsicht sind chronische Ohrgeräusche mit chronischen Schmerzen vergleichbar: Das subjektiv empfundene Symptom Schmerz entwickelt sich durch Chronifizierung zur Schmerzkrankheit (Fibromyalgie).

Die Betroffenen leiden besonders darunter, dass nur sie selbst die Störgeräusche wahrnehmen können. Welche Diagnosemöglichkeiten hat hier die Medizin, und wann sollte man einen Arzt aufsuchen?

Dr. Wormer: Der zuständige Facharzt ist in der Regel der HNO-Arzt. Im besten Fall wird er Ihnen bei der Schilderung Ihrer Leidensgeschichte zuhören, bevor eine Mittelohrprüfung sowie subjektive und objektive Hörprüfungen durchgeführt werden. Gelegentlich steckt das Übel in der Halswirbelsäule oder auch im Kiefergelenk, wenn man chronisch mit den Zähnen knirscht und presst – auch ein Stresssymptom! Man sollte dann einen Arzt aufsuchen, wenn der Tinnitus als beunruhigend, bedrohlich oder unerträglich empfunden wird.

Das Gehör des Menschen ist so faszinierend wie komplex. Wie funktioniert die akustische Wahrnehmung eigentlich, und weshalb kommt es zum Tinnitus?

Dr. Wormer: Das Ohr besteht im Prinzip aus einem immerwährend eingeschalteten „Mikrofon“ (Ohren) und einer „Software“ zur Verarbeitung akustischer Informationen (Gehirn). Für Ohrgeräusche kommen viele mögliche Ursachen infrage; sie können im peripheren Ohr oder bei der zentralen Verarbeitung von Audiosignalen ausgelöst werden. Am häufigsten entsteht Tinnitus an der Hörschnecke (Cochlea) oder innerhalb der zentralen Hörbahn. Neun von zehn Tinnitus-Patienten sind zudem schwerhörig. Man glaubt, dass zunächst eine veränderte Spontanaktivität des Hörnervs zur Bildung eines Tinnitus-Musters in der zentralen Hörbahn beiträgt – der Hörnerv entwickelt ein Eigenleben. Ist die Hörnerv-Aktivität abgeklungen, bleiben störende Ohrgeräusche als akustische Erinnerung erhalten.

Die Behandlung des Tinnitus soll nach wie vor schwierig sein, da viele Fragen noch ungeklärt sind. Was steht einer wirksamen Therapie entgegen? Welche Hoffnung gibt es für die Betroffenen?

Dr. Wormer: Medizinische Behandlungen beziehen sich nur auf das „Mikrofon“ (Außen-, Mittelohr) und die „Tonabnehmer“ (Innenohr, Hörschnecke). Dort ist Schluss. Das eigentliche Tinnitus-Drama spielt sich aber jenseits der Hörschnecke ab und betrifft viele mit Hörwahrnehmungen verknüpfte Hirnzentren. Das bedeutet, dass man mit Therapien, die den ganzen Menschen miteinbeziehen, am weitesten kommt. Es gibt berechtigte Hoffnung, dank solcher Therapien einen erträglichen Kompromiss mit seinem Tinnitus schließen zu können oder ihn ganz zum Schweigen zu bringen.

Tinnitus

Tinnitus

Besonders vielversprechend sind also ganzheitliche Behandlungsansätze. Was ist deren Ziel, und wie kann es gelingen, die Lebensqualität zurückzugewinnen?

Dr. Wormer: Die gute Nachricht: Bei bis zu 70 Prozent der Betroffenen verschwindet der Tinnitus spontan! Chronische Ohrgeräusche sind ins Gedächtnis eingebrannte Erinnerungen – an Zeiten großer körperlicher und psychischer Belastungen. Das unüberhörbare Brandzeichen eines früheren Dauerstresszustandes. Solche Gedächtnisspuren zu löschen, ist das Ziel. Dies gelingt am besten mit Entspannungsmaßnahmen und „Abgewöhnungstherapien“. In manchen Fällen helfen zusätzlich Hörgeräte oder sogenannte Masker. Oft ist Schwerhörigkeit mit im Spiel. Dafür sind HNO-Ärzte zuständig. Viele Tinnitus-Betroffene schaffen es, mit einer individuellen Mischung von Maßnahmen ganzheitlicher Angebote ihre Ohrgeräusche in den Griff zu bekommen.

Ihr Ratgeber betont die Bedeutung von Aufklärung und Information für die Bewältigung des Tinnitus-Problems. Welche Angebote für Selbsthilfe gibt es, an wen sollten sich Betroffene wenden?

Dr. Wormer: Ohrgeräusche werden fast immer als hochgradig beunruhigend und verstörend erlebt. Mitunter verbreiten sie Angst und Schrecken. Wenn man über die Funktionen der Hörwahrnehmung informiert ist, verliert der Tinnitus seinen dämonischen Charakter. Und man begreift ihn als zugehörig zum eigenen Selbst. Das Qualitätsniveau der Tinnitus-Therapie in Deutschland ist vergleichsweise hoch – nicht zuletzt wegen der Aufklärungsarbeit und des Engagements der Deutschen Tinnitus-Liga (DTL, www.tinni.net). Die Deutsche Tinnitus-Liga ist eine erste Adresse für Tinnitus-Betroffene, hier finden Sie Selbsthilfegruppen und Chatforen (www.forum.tinnitus-liga.de). Die Chancen stehen gut, dass Sie von Ihren Ohrgeräuschen befreit werden!

Buchtipp:
Dr. med. Eberhard J. Wormer: Tinnitus – Wie Ohrgeräusche entstehen und wie man sich davon befreit, Mankau Verlag, 1. Aufl. Mai 2015, Klappenbroschur, zweifarbig., 190 S., 14,95 €

 

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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