Interview mit Pilates-Trainern Christof Baur und Bernd Thurner

Christoph Baur (l.) und Bernd Thurner

Christoph Baur (l.) und Bernd Thurner

„Pilates ist das ideale Training für ein neues Körperbewusstsein“

Die beiden Diplom-Sportlehrer Christof Baur und Bernd Thurner, Autoren des Buchs „Pilates – Die besten Übungen für Anfänger und Fortgeschrittene“, legen im Interview dar, warum die traditionsreiche Trainingsmethode nach wie vor eine zeitgemäße und optimale Möglichkeit darstellt, seinen Körper in Form zu bringen oder zu halten und für Gesundheit, Wohlbefinden und Ausgeglichenheit zu sorgen: „Pilates trainiert Kraft, Koordination und Beweglichkeit, stimuliert das vegetative Nervensystem, vermittelt ein neues Körperbewusstsein und sorgt für Entspannung. Mit Pilates-Übungen können Sie gezielt die tiefer liegenden Muskelgruppen ansprechen und werden mit Wohlbefinden und einer guten Figur belohnt. Daher gilt regelmäßiges Training schon seit bald hundert Jahren als idealer Ausgleich zu Beruf und Alltag.“

„Pilates“ gilt als der Klassiker unter den Fitness-Philosophien. Wann wurde die Trainingsmethode entwickelt und warum ist sie heute noch so populär?

Thurner: Das Trainingskonzept wurde Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts von Joseph Pilates (1883 – 1967) entwickelt. Bereits 1926 eröffnete Pilates mit seinem Trainingskonzept ein eigenes Gymnastikstudio in New York. Die hohe Wirksamkeit und einfache praktische Umsetzbarkeit seiner Übungen sind die Basis des Trainingserfolgs und der Grundstein der anhaltenden Popularität. Das Training mit dem eigenen Körpergewicht ist ideal, um das Körperbewusstsein zu schulen und die persönliche Fitness zu verbessern. Daran hat sich über die vielen Jahrzehnte nichts geändert.

Die Harmonie von Körper und Geist ist das übergeordnete Ziel von Pilates. Welche Lehren haben den Gymnastiklehrer dabei beeinflusst?

Baur: Joseph Pilates litt als Kind unter Asthma, Rachitis und rheumatischem Fieber. In seinen jungen Jahren übte er die Sportarten Boxen, Gymnastik, Bodybuilding und Skifahren aus und las viel über Yoga und Zen-Meditation. Aus heutiger Sicht ist sicherlich interessant, dass er nach dem Ersten Weltkrieg als Kriegsgefangener interniert wurde und dort seine Mitgefangenen trainierte. Es ist überliefert, dass diese Mitgefangenen die große Grippe-Pandemie von 1918 auf Grund ihrer guten körperlichen Konstitution überlebten. Es sind also weniger bestimmte Lehren als vielmehr seine persönlichen Erfahrungen, die Joseph Pilates beeinflusst haben.

Bereits die Hollywood-Stars der Zwanziger trainierten nach den Pilates-Prinzipien, ebenso wie die Models und Sportler von heute. Warum sollten sich „ganz normale“ Menschen mit Pilates befassen?

Thurner: Die Wirksamkeit von Pilates ist äußerst vielseitig und daher für die unterschiedlichsten Zielgruppen interessant. Neben dem unmittelbaren Effekt der Entspannung zeigt sich bei den Trainierenden durch den systematischen Trainingsaufbau eine rasche Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Die leicht verständlichen und klar definierten Pilates-Prinzipien sind für „normale Menschen“ ein idealer Leitfaden, um die gewünschten Trainingserfolge zu erzielen. Die ursprüngliche Pilates-Methode hat sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt und ermöglicht allen „Leistungsklassen“, egal ob Anfänger oder Athlet, eine individuelle Anpassung an die eigenen körperlichen Voraussetzungen.

Die exakte und korrekte Übungsausführung ist laut Ihrem Buch das oberste und wichtigste Grundprinzip des Pilates-Übungsprogramms. Wie ist das zu verstehen und was wird vom Einzelnen verlangt, um Erfolg damit zu haben?

Baur: In den heutigen Fitnessstudios mit High-Tech-Trainingsmaschinen steht oft die ausschließliche Muskelkräftigung im Vordergrund. Den Trainierenden geht es meist ums Aussehen. Das ist sicherlich in Ordnung, aus gesundheitlicher Sicht allerdings mit einigen Nachteilen verbunden: Die Koordination, also das Zusammenspiel von Muskulatur und zentralem Nervensystem, wird nicht trainiert. Im Pilates-Übungsprogramm ist das anders. Der Einsatz des eigenen Körpers als Trainingsmittel stellt besonders hohe Anforderungen an die Koordination. Erfolg wird derjenige haben, der sich während des Trainings auf eine exakte und korrekte Bewegungsausführung konzentriert.

Durch typische Bürotätigkeiten und Bildschirmarbeit ist dem modernen Menschen das Gefühl für Bewegung und die Körperwahrnehmung weitgehend verloren gegangen. Wie kann man im Alltag von Pilates profitieren?

Thurner: Das Pilates-Übungsprogramm vereint die motorischen Fähigkeiten Kraft, Koordination und Beweglichkeit. Der gezielte Einsatz der Atmung stimuliert unser vegetatives Nervensystem und trainiert den Wechsel von Anspannung und Entspannung, wodurch die Trainierenden unmittelbar ein neues Körperbewusstsein und Erholung erfahren. Elemente, welche im modernen Alltag zunehmend verloren gehen und dadurch unsere physische und psychische Belastbarkeit vermindern. Durch regelmäßiges Training von Pilates schaffen Sie einen idealen Ausgleich zu Alltag und Beruf und steigern Ihr persönliches Wohlempfinden.

Pilates arbeitet mit dem eigenen Körpergewicht

Pilates arbeitet mit dem eigenen Körpergewicht

Wie sieht ein typisches Pilates-Training eigentlich aus und womit sollte man als Anfänger beginnen?

Baur: Ein typisches Pilates-Training besteht aus unterschiedlichsten Übungen, die fließend nacheinander, ohne Pause absolviert werden. Entscheidend ist, dass die Konzentration im Hier und Jetzt liegt; die Gedanken beschäftigen sich mit dem, was Sie gerade tun: Trainieren. Für Anfänger ist es wichtig, sich nicht zu überschätzen. Unser Pilates-Buch ist in drei Leistungsstufen von leicht nach schwer aufgebaut. Anfänger sollten in jedem Fall mit der Körperschule und den Übungen für Anfänger beginnen.

In Ihrem Buch werden auch neueste wissenschaftliche Erkenntnisse hinsichtlich der Wirksamkeit der Trainingsmethode berücksichtigt. Welche der bald hundert Jahre alten Prinzipien sind heute noch aktuell?

Thurner: Joseph Pilates erkannte bereits zu seiner Zeit, dass ein methodischer und systematischer Trainingsaufbau wichtig für den Trainingserfolg ist. Entscheidend war für ihn immer die Anpassung des Übungsprogramms an die Bedürfnisse des Einzelnen. Er handelte dabei nach festen Grundprinzipien, die bis heute den sportwissenschaftlichen und medizinischen Anforderungen standhalten. Diese „Pilates-Philosophie“ ist für den Trainierenden ein einfacher und übersichtlicher Leitfaden und garantiert die Umsetzung des wohl wichtigsten Trainingsprinzips: die Regelmäßigkeit!

Es gibt unzählige Trainings- und Produktangebote rund um Pilates. Worauf sollte man Ihrer Ansicht nach besonders achten, wenn man sich mit dieser Methode beschäftigen will?

Baur: Es gibt Pilates-Matten, Pilates-Kissen, Pilates-Handschuhe, Pilates-Bänder und vieles mehr. Ob Sie das alles brauchen? Nein, sicherlich nicht. Das Einzige, was Sie brauchen, ist die eben angesprochene Regelmäßigkeit! Ihr Geld ist daher sicher besser für einen Pilates-Kurs angelegt, der zu festen Zeiten stattfindet und damit nachweislich zu einem regelmäßigen Training beiträgt. Wenn allerdings ab und zu ein Zusatzprodukt die Motivation aufrechterhält, ist auch dieses Geld gut investiert.

Christof Baur und Bernd Thurner: Pilates. Die besten Übungen für Anfänger und Fortgeschrittene, Mankau Verlag, 1. Aufl. Jan. 2015, Klappenbroschur, 127 S., 14,95 €

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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