Interview mit Ursula Maria Auktor über Machtspiele in der Partnerschaft

Ursula Maria Auktor

Ursula Maria Auktor

Der Himmel hat seinen Preis

Wer bist du als Mann? Wer bist du als Frau? Die Beantwortung dieser beiden Fragen führt mitten rein in das Pulverfass, in das „Beziehungs-Dynamit“, in den ewigen Geschlechterkampf, in dem es um den eigenen Selbstwert, die Rollenvergabe in der Partnerschaft und um die Gesetzmäßigkeiten der partnerschaftlichen Machtprozesse geht. Mit großer Leidenschaft und Sachkompetenz erforscht Ursula Maria Auktor als Therapeutin seit zehn Jahren die Polarität zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen und die Dynamiken von Liebe, Partnerschaft und Sexualität.

Sie behaupten in Ihrem Buch „BeziehungsDynamit“, dass jeder Mensch sich das Thema, was er in der Partnerschaft bearbeiten will, schon vor der Geburt ausgesucht hat und dann zunächst einmal das Gegenteil dessen erfährt. Wie kommen Sie auf so eine Idee?

Ich glaube, ich sollte hier zunächst einige grundsätzliche Aspekte erklären, damit Sie meine Ausführungen besser einsortieren können.

Von Kindheit an, war es mein Wunsch, Medizin zu studieren. Aus familiären Gründen wurde daraus nichts. Als sich viel später in meinem Leben ein Wendepunkt ergab, ergriff ich mit großer Begeisterung die Möglichkeit, eine Ausbildung zur Heilpraktikerin zu machen. Im Zuge dessen bekam ich nun Zugang zur Quantenphysik, dem Quantenansatz in der Psychologie und interessanterweise auch Zugang zur modernen Gehirnforschung. Ich beziehe mich in meinem Buch also auf uralte kosmische Gesetzmäßigkeiten, die vollkommen unumstritten und auch in der Quantenpsychologie und der aktuellen Gehirn- und Evolutionsforschung sogar wissenschaftlich begründet sind. Ich behaupte es also nicht, sondern biete es als Möglichkeit an, die Perspektive zu erweitern.

Das Leben ist ein Erkenntnisprozess und damit ein Bezugssystem. Dieses System benötigt Gegensätzlichkeiten zur Erkenntnis im Spannungsfeld der Polaritäten. Die Bedeutung und das Erkennen von „Frau“ ergibt sich immer nur aus dem Gegenteil „Mann“. Die Erkenntnis und Bedeutung von „klein“ ergibt sich erst aus dem Gegenteil „groß“. Diese Gegensätzlichkeiten dienen eigentlich nur zur Unterscheidung. Sie sind allerdings zur Bewertung und Beurteilung „mutiert“. Also bedarf es zunächst nur der Erkenntnis, nicht der Bewertung des Gegenteils zur notwendigen Bedeutungsfindung und Erkenntnis dessen, was sich durch mich ausdrücken möchte. Auf einen einfachen Nenner gebracht heißt das, wenn ein Mensch sich in dem Gefühl der „Unabhängigkeit“ reflektieren will, wird er alles Mögliche tun, natürlich zunächst unbewusst, das totale Gefühl, die Wahrnehmung der „Abhängigkeit“ zu erfahren.

Hier kann man ganz klar auch die zwei Energien des dynamischen Universums erkennen: die Energie der Trennung und die Energie der Anziehung. Die vorgeburtliche Themenstellung erklärt auch eindeutig die „implizite Ordnung“, die sich nur explizit ausdrückt. Auch das ist ein Erkenntnisaspekt des Quantenansatzes im menschlichen Bewusstsein. Er schließt nichts aus, sondern sieht alles in einem größeren Kontext. Er ist nicht lösungsorientiert, sondern fragt, welche Erkenntnis soll das bringen. Das sind ganz andere Ansätze.

Das muss man nicht verstehen wollen. In meiner Arbeit betone ich immer wieder: „Ihr müsst und solltet mir das nicht glauben. Überprüft es in eurem eigenen Leben, ob es so ist. Nur so könnt ihr dann zu eurer Selbstverantwortung kommen und darum geht es doch.“

Die Frau sucht ihren Partner unbewusst nach dem Versorgungsprinzip und der Mann sucht seine Partnerin nach der sexuellen Verfügbarkeit aus. Sind das nicht veraltete Klischeevorstellungen?

Ja, das sieht so aus. Aber Altes ist nicht immer überholt. Wir sprechen hier von kollektiven Prägungen, die durch Jahrhunderte als Zellinformation in den Schaltkreisen unserer Gehirne gespeichert sind. Diese Informationen werden zwar in ihrem Ausdruck immer wieder modifiziert, aber das Spannungsfeld zwischen männlich und weiblich bleibt bestehen, solange es Wesen gibt.

Auch die widersprüchliche Genderbewegung scheitert letztendlich an dieser Gesetzmäßigkeit. Es ist eine Natürlichkeit, dass sich ein Wesen in seiner Einseitigkeit von Weiblichkeit durch das Männliche zur Ganzheit ergänzen möchte. Das Weibliche strebt also zum Männlichen und das Männliche zum Weiblichen. Ich glaube das bleibt weiter unbestritten. Aus dieser Perspektive entsteht die „Suche“ in der Beziehung. Da das Männliche in der Geschichte der Menschheit für die Jagd, die Aktivität und die Versorgung durch die notwendigen Ressourcen steht, die Frau als gebärendes Prinzip für die Brut und die Aufzucht der Kinder steht, sind doch die Suchkriterien in der Partnerschaft instinktiv und eindeutig vergeben. Die unbewusste Suche der Frau, eben durch das Mutterprinzip, ist also Sicherheit und Versorgung durch den Mann. Durch seine Leistung ist das unbewusste Suchprinzip des Mannes nun logischerweise sexuelle Verfügbarkeit.

Die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins ändert nichts an diesen evolutionären Gesetzmäßigkeiten, sondern drückt sich nur immer wieder neu modifiziert aus. Ganz nach gerade herrschenden gesellschaftlichen Bedürfnissen. In meiner Praxis werde ich tagtäglich mit diesen Wirkkräften konfrontiert. Männer wie Frauen stimmen ihnen uneingeschränkt zu, wenn sie sich in ihrer Diskretion sicher fühlen.

Die größte Angst des Mannes ist die Furcht vor dem Weiblichen. Was verstehen Sie darunter und kennt die Frau eine ähnlich elementare Angst vor dem Mann?

Das ergibt sich schon alleine durch das Streben der Geschlechter nach Ganzheit. Das sind die grundsätzlich angelegten komplexen Schaltkreise des Gehirns, ohne hier nun näher auf die Evolutionsbiologie, die Neurobiologie und die moderne Gehirnforschung einzugehen.

Das Weibliche strebt zum Männlichen und versucht zur eigenen Ergänzung die geschlechtsspezifischen männlichen Aspekte zu vereinnahmen. Das sind die Aktivität, die Strukturfähigkeit, die Rationalität…. also alles, was nach Außen orientiert ist und mit „machen“ zu tun hat. Wir wissen, dass diese Eigenschaften der linken Gehirnhälfte zugeordnet sind.

Auf der anderen Seite heißt das dann aber auch, dass das Männliche zur Ergänzung unbewusst zum Weiblichen strebt, was sich vielleicht etwas offensichtlicher darstellen mag: Zum Fühlen, zur Intuition, zum Weichen, zum Inneren. Also müssten wir hier sagen, dass es die Männer zur Ohnmacht zieht. Man schaue nur zum „symbolischen“ Kniefall beim Heiratsantrag, zu den Ritterspielen oder biologisch auch zum Samenerguss.

Das Weibliche strebt also unbewusst nach der Macht im Außen, obwohl sie die Macht der Mutter hat, womit sie über Leben und Tod bestimmt. Doch das sind Prägungen, die den meisten nicht bewusst sind. Sie sind genetisch verankert.

Männliche Machtdemonstrationen sind Kompensationen, die Geschichte schreiben. Napoleon fing den großen Krieg an, weil ihm das Geld für ein Schloss für seine Geliebte fehlte. Schauen wir heute zu den orthodoxen Religionen, finden wir auch hier Machtdemonstrationen, die das Weibliche unter der religiösen Fahne total unterdrückt … aus Angst (vor Ohnmacht???). Wir kennen die Domestizierung der Frauen im Viktorianischen Geist, die aus der Angst vor den tiefen, emotionalen und deshalb gefährlichen Urgründen des Weiblichen gründen.

Die Schöpfung zeigt sich in ihrer Vollkommenheit, also in Widerständen und damit auch in Widersprüchen. Es gibt das Gesetz der Trennung und Abstoßung, und das Gesetz der Anziehung und Vereinigung. Das ist das Prinzip der Ambivalenz, in der wir Menschen in unserer Geschlechtlichkeit leben.

Wenn ich Sie richtig verstehe, gibt es Ihrer Meinung nach in jeder Liebesbeziehung um Machtprozesse. Was verstehen Sie darunter und wie sollten die Partner mit dieser Tatsache umgehen?

Wie schon erwähnt, dreht es sich in Beziehungen jedweder Art immer um Macht und Ohnmacht, Täter und Opfer. Das hört sich nicht gerade romantisch an, aber wenn Sie sich vorstellen, dass im Stadium der Verliebtheit der-/diejenige in der Ohnmacht ist, der/die am meisten von beiden verliebt ist … Bereits beim Zusammentreffen eines Paares werden so schon die Weichen gestellt. Was tut man nicht alles aus lauter Liebe? Viele Dinge, die man normalerweise gar nicht tun würde. Aus lauter Angst und unbewusster Abhängigkeit, dass der Partner gehen könnte, machen die Menschen die unmöglichsten Sachen.

Dieser Paar-Code, der da im Anfang geschaffen wird, arbeitet als Prägung ständig weiter. Paarsysteme arbeiten hintergründig nach einer bestimmten Art und Weise, die dem normalen Bewusstsein nicht offensichtlich zugängig sind. Damit habe ich jeden Tag in meiner Praxis zu tun.

Wie oft höre ich, dass man in der Beziehung diskutieren müsste. Mitteilen ist sehr notwendig, sonst geht gar nichts. In Diskussionen aber versucht man den eigenen Standpunkt dem Partner zur Überzeugung zu reichen. Eine Streitkultur gibt es schon lange nicht mehr. Der Partner soll entweder von der eignen Ansicht überzeugt werden oder man versucht, sich mit allen Mitteln zu rechtfertigen. Kompromisse sind meistens faul und verdecken Ängste. Beides zeugt eindeutig von mangelndem Selbstbewusstsein, was durch Machtkämpfe aufgewertet werden soll. „The Winner Takes It All“ ist die Devise.

Sie würden sich bestimmt wundern, wenn Sie einmal in meiner Praxis zuhören könnten. In der täglichen, privaten Realität sieht alles anders aus, als es gegen außen dargestellt wird. Hintergründig ist es ein Geschäft mit unbewussten Absprachen. Schauen Sie mal genau hin in Ihrem Bekanntenkreis, überzeugen Sie sich selbst.

Was man tun kann? Diese Mechanismen, die ja keinem bewusst sind, aufdecken und anschauen, ohne Wenn und Aber. Man hat ja schon mit sich selber ein Dilemma, so kommt man nun zum Zweierdilemma. Erst Beobachtung schafft Korrektur.

So arbeiten wir (mein Partner Klaus Konstantin und ich) in unserer Praxis mit Paaren. Aktuell auch schon präventiv. Es gibt bereits viele Paare, die nicht mehr den Verschmelzungsgrad oder die lebenslange Harmonie suchen. Sie sind daran interessiert, wie Partnerschaften gelingen und jeder trotzdem eigenständig bleiben kann. Es ist ein Frage des Bewusstseins und wie man damit umgeht.

„Der Weg in den Himmel führt nur über die Hölle“ ist ein Leitmotiv in Ihrer Paarberatung. Was verstehen Sie darunter?

Damit meinen wir die Bereitschaft zur sogenannten „Feuerprobe“, die Bereitschaft zur wichtigen Differenzierung. Himmel und Hölle sind nur Worte und Symbole für Zustände. Wer nicht bereit ist, zunächst die wichtige Beziehung zu sich selbst aufzubauen, sich selbst auszuhalten, die eigene Autonomie zu erkennen und auch zuzulassen, wird in einer Beziehung immer instabil sein. Er ist dann vom Partner abhängig in der Bestätigung seiner sogenannten „Ausstattung“, seiner Bedürfnisse, seiner Vorlieben und seiner Eigenschaften. Ganz besonders auch in der Sexualität. Jeder Mensch hat eine sexuelle Essenz, eine sexuelle Prägung und einen sexuellen Ausdruck, und der ist nicht zu bewerten. So geht es erst einmal in das eigene Dilemma der Selbsterkenntnis und Selbstakzeptanz. Das ist die erste Hölle.

In der Paar-Hölle treffen nun zwei unterschiedliche Menschen aufeinander und suchen den Himmel. Wie man dahin kommt, habe ich gerade beschrieben. Nur zwei selbstbewusste, unabhängige Menschen schaffen es, durch die Hölle ihrer unterschiedlichen Bedürfnisse zu kommen, denn die Hölle heißt „eigene Wahrheit“. Das Einstehen für das eigene So-Sein, ohne Wenn und Aber, ist der Prozess der Differenzierung. Kein Partner ist für die Erfüllung der emotionalen Bedürfnisse des anderen verantwortlich. Also dient die Partnerschaft der gegenseitigen Herausforderung im individuellen Selbsterkenntnisprozess. Wer bin ich ohne dich? Wer bist du ohne mich? Der Partner ist immer Spiegel der eigenen unerlösten Geister. Ist das nicht die Hölle? Also, der Himmel hat hier seinen Preis.

Was sind Ihrer Meinung nach die unverzichtbaren Zutaten für eine erfüllte Partnerschaft?

Oh weh, eine Pauschalisierung gibt es hier nicht. Beziehungen sind nicht wie ein Menü, das ich zusammenstellen kann, wenn ich die notwendigen Zutaten besorge. Hier gibt es bestimmt kein Regelwerk oder gar eine Gebrauchsanweisung. Allerdings hören wir in unserer Praxis diese Frage sehr häufig. Es gibt auch unzählige Bücher darüber, aber Liebe, Sexualität und Partnerschaft sind immer individuell … anders.

Eine wichtige Voraussetzung allerdings ist zunächst das Interesse an der eigenen Wahrheit. Beim Finden dieser Wahrheit in den notwendigen Beziehungsprozessen gibt es nur eins: Vollkommene Offenheit auf allen Ebenen. Total ehrliche Kommunikation und die Bereitschaft zu wachsen. Ich will das hier mal in einer Metapher zusammenfassen: „Versuche nicht, mich glücklich zu machen, sondern zeige mir, wer du wirklich bist … dann kann auch ich erkennen, wer ich wirklich bin“.

Buchtipp: Ursula Maria Auktor: BeziehungsDynamit, Sheema Medien 2014, 160 Seiten, 14,99 €

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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