Interview mit dem TCM-Experten Prof. TCM (Univ. Yunnan) Li Wu

Prof. Li Wu

Prof. Li Wu

Leben nach der inneren Organuhr

In seinem Ratgeber „Die Organuhr“ erklärt der TCM-Arzt Dr. Li Wu den Kreislauf der Lebensenergie Qi sowie die Aktivitäts- und Ruhephasen der Organe und stellt wertvolle Akupressur-Behandlungen, Qigong- und Tai-Chi-Übungen und natürliche Heilmittel vor, um Krankheiten vorzubeugen und Beschwerden zu lindern: „Der moderne Mensch hat sich weit von seiner Natur entfernt – zu viel Stress, Arbeit und Termindruck, zu wenig Bewegung und oftmals eine falsche Ernährung führen zu zahlreichen körperlichen und seelischen Beschwerden. Die Organuhr der Traditionellen Chinesischen Medizin gibt hier ein wertvolles Hilfsmittel an die Hand, um den Tagesablauf nach den Bedürfnissen des eigenen Organismus auszurichten und so gesünder, leistungsfähiger und ausgeglichener zu leben. Das Konzept der Organuhr schenkt Gesundheit – Milliarden von Menschen und schon seit mehreren tausend Jahren.“

Auf welche Zeit ist die Entdeckung der Organuhr zurückzuführen?

Dr. Li: Die Entdeckung der Organuhr ist bis zum mythischen Urkaiser Chinas zurückzuführen, der Legende nach hat sie eine Geschichte von mehreren Jahrtausenden. Zu den wichtigsten Standardwerken zählt hier das „Buch des Gelben Kaisers zur Inneren Medizin“ („Huang Di Nei Jing“): eine Sammlung von 81 Abhandlungen, die wohl in einem Zeitraum von etwa 400 Jahren aus verschiedenen Schriften unbekannter Autoren zusammengestellt wurde und die für Generationen von chinesischen Ärzten bis heute richtungsweisend ist. Die Entwicklung der Organuhr ist aus der Beobachtung der Beziehungen zwischen Menschen, Himmel und Erde entstanden.

Ihr neuer Ratgeber geht von der Auffassung aus, dass sich der moderne Mensch von seinem natürlichen Lebensrhythmus entfremdet habe. Woran liegt das und was sind die gesundheitlichen Auswirkungen?

Arbeitszeit, Arbeitsintensität, grundlegende Ernährungsveränderungen und Umwelteinflüsse haben den Lebensrhythmus des modernen Menschen verändert. Zu viel Sitzen, zu wenig Bewegung, zu viele Überstunden, zu wenig Urlaub, zu viel Fastfood, zu wenig frisches Obst und Gemüse, zu viel Umweltverschmutzung durch Industrialisierung … Diese Lebensart hat den Menschen mehr und mehr von der Natur entfernt. Natur braucht Ausgewogenheit, ein Gleichgewicht von Yin und Yang. Dauerhafte Disharmonie führt beim Menschen zu einer Zunahme von körperlichen Krankheiten und in der ihn umgebenden Natur zu Umweltproblemen.

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) vertritt ein eigenes, ganzheitliches Weltbild. Was bedeuten gemäß dieser Lehre Gesundheit und Krankheit?

Dr. Li: Die Chinesische Medizin ist ein Gesundheitsratgeber und eine Zusammenfassung von Erfahrungen zwischen Himmel, Menschen und Erde. Durch die Beobachtung von Milliarden Menschen haben wir gewisse Maßstäbe für die Lebensweise und Gesundheitsvorsorge gesetzt. Das Fazit lautet: Wer sich der Natur anpasst, wird gesünder leben. Einseitige, ewige körperliche Belastung führt zu Krankheit. Wann und welche organischen Funktionen bei Tag und Nacht von besonderer Bedeutung sind und wie sich der Fluss der Lebensenergie Qi harmonisieren lässt, wird in meinem Buch ausführlich erläutert.

Was sind die Gründe dafür, dass eine jahrtausendealte Weltanschauung wie die TCM heute eine Renaissance erlebt und selbst von der modernen Wissenschaft geschätzt wird?

Dr. Li: Die Erfahrungen der TCM basieren auf Beobachtungen zwischen Mensch und Natur. Dieser Grundsatz ist nahezu identisch mit modernen naturwissenschaftlichen Prinzipien – „Praxis ist das einzige Kriterium, um die Wahrheit zu überprüfen“. Das alte Wissen der TCM hat in seiner über 5.000 Jahre alten Geschichte diese wertvollen Praxiserfahrungen gesammelt. Das ist ein medizinischer Schatz, nicht nur für China, sondern für die ganze Welt. Auch heute sammeln TCM-Mediziner weltweit ihre Erkenntnisse, um die Gesundheit von Mensch und Umwelt zu verbessern.

Die Organe in der TCM decken sich nicht mit der westlichen Vorstellung dieses Begriffs. Welche sind die wesentlichen Unterschiede und was bedeutet dies für Diagnostik und Therapie?

Dr. Li: Die Organe der TCM stehen mit dem Meridiansystem in Verbindung. Jeder Meridian ist eine Energieleitbahn für das entsprechende Organ. Die Meridiane sind aber vernetzt, d. h. ein Krankheitsbild kann durch unterschiedliche Organe (Meridiane) verursacht werden. Zum Beispiel hat eine Herzkrankheit in der Schulmedizin oft nur mit dem Herzen zu tun. Aber in der TCM könnte die Ursache zusätzlich noch im Lungenmeridian oder Magenmeridian zu finden sein. Entsprechend wird man auch die Ursachen unterschiedlich therapieren.

Die Organuhr

Die Organuhr

Auch der Mensch ist eingebettet in die rhythmischen Abläufe der Natur. Er untersteht dem Lauf der Jahreszeiten und dem 24-Stunden-Rhythmus des Tages. Was bedeutet das für bestimmte Beschwerden und deren Behandlung?

Dr. Li: Die Erfahrung der TCM zeigt, dass ein Mensch gesünder lebt, wenn er seinen Lebensrhythmus auf den Naturrhythmus abstimmt. Zum Beispiel ist um die Mittagsstunden zwischen 11 und 13 Uhr die Zeit der Herzmeridiane. Um das Herz zu unterstützen, braucht der Körper sehr viele Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Sämtliche Stoffe kann man durch ein ausgewogenes Mittagsessen bekommen. Nach dem Mittagessen zirkuliert Blut vom Kopf in den Magen, um die Verdauung zu unterstützen. Der Mensch wird müde, und das Herz braucht jetzt eine Pause. Deswegen empfehlen TCM-Mediziner den Menschen, nach dem Mittagessen ein bisschen Pause zu machen oder am besten eine halbe Stunde zu schlafen. In einen Tagesablauf nach der Organuhr integrieren wir häufig zusätzlich eine TCM-Behandlung, zum Beispiel Akupressur, körperliche Betätigung sowie einen Ernährungsplan.

Die Organuhr ist ein Hilfsmittel, um den Tag im Einklang mit der Natur und dem eigenen Biorhythmus zu strukturieren. Wie muss man sich das vorstellen und was ist dabei besonders zu beachten?

Dr. Li: Ein gesunder Lebensrhythmus beinhaltet ausgewogene Ernährung, regelmäßigen Sport bzw. Bewegung und die richtige Balance zwischen Arbeit und Freizeit. Neben seinem körperlichen Befinden sollte der Mensch gleichzeitig auf eine gesunde psychische Verfassung achten. Die Organuhr ist dabei ein wichtiges Hilfsmittel, um den Tag in Einklang mit der Natur zu bringen.

Zum Beispiel empfehlen Mediziner ihren Patienten, täglich mindestens 2 Liter Wasser zu trinken, und zwar über den Tag verteilt: Nach der TCM-Theorie ist zwischen 5 und 7 Uhr die Zeit des Dickdarmmeridians; man sollte bereits hier anfangen, Wasser zu trinken. Bis zur Mittagszeit sollte man schon mindestens 1 Liter zu sich genommen haben, insbesondere um die Herz-Kreislauf-Funktion zu unterstützen. Wassertrinken am Nachmittag ist genauso wichtig wie am Vormittag, da zwischen 15 und 17 Uhr die Zeit des Blasenmeridians und zwischen 17 und 19 Uhr die Zeit des Nierenmeridians ist. Beide Meridiane sind zuständig für den Wasserhaushalt in unserem Körper. Spätestens bis 19 Uhr sollte man insgesamt mindestens 2 Liter Wasser getrunken haben.

Das Konzept der Organuhr beruht auf dem biologischen Rhythmus des Kosmos und seinen Koordinaten. Lassen sich diese auch so weit verschieben, um mit der Veränderung und Beschleunigung des modernen Alltags Schritt zu halten?

Dr. Li: Ja. Nach dem Organuhr-System zu leben, hat Milliarden Menschen über mehrere tausend Jahre hinweg Gesundheit geschenkt. Im heutigen, modernen Alltag gilt diese Lebensweisheit nach wie vor. Der Alltag ist im Vergleich zu früher zwar stressiger geworden, dennoch können Menschen ihre Leistung erheblich steigern und Freude im Alltag erleben, wenn sie sich gut organisieren.

Organuhr

Organuhr

Wie sieht ein strukturierter Tagesablauf im Einklang mit den inneren Organzeiten aus?

Dr. Li: Um diese Frage zu beantworten, muss man den großen Energiekreislauf erst einmal durchschauen. Der Qi-Kreislauf beginnt im Brustkorbbereich in der Lunge, denn alles Leben beginnt mit einem Atemzug. Von dort aus strömt die Lebensenergie Qi in die Meridiane. Der große Energiekreislauf sieht wie folgt aus:

Lunge – Dickdarm – Magen – Milz – Pankreas – Herz – Dünndarm – Harnblase – Niere – Perikard – Dreifach-Erwärmer – Gallenblase – Leber

Nachdem es den Lebermeridian durchlaufen hat, fließt das Qi sofort wieder in den Lungenmeridian ein, und der Kreislauf beginnt ohne eine Unterbrechung von Neuem. Das ist der sogenannte große Energiekreislauf.

Der rhythmische Fluss des Qi unterliegt dabei Schwankungen – das Qi zirkuliert nicht gleichmäßig in den Organen und Meridianen, sondern kennt Zeiten stärkerer und schwächerer Aktivität, sogenannte Maximal- und Minimalzeiten: Im 24-Stunden-Rhythmus strömt jeweils zwei Stunden lang besonders viel Qi durch einen bestimmten Meridian und das ihm zugehörige Organ. Anschließend wird dieser erhöhte Energiefluss für wiederum zwei Stunden dem jeweils nächsten Meridian und Organ zuteil, den das Qi durchläuft. Auf die zweistündige Lungen-Hochphase folgt also eine zweistündige Dickdarm-Hochphase, anschließend entfaltet das Qi seine maximale Aktivität im Magen etc. Demgegenüber gibt es auch einen zweistündigen Zeitraum, in dem das Qi jeweils nur schwach durch einen Meridian und sein Organ fließt – diese Minimalzeit, also Ruhephase, tritt jeweils genau 12 Stunden nach der Phase erhöhter Aktivität ein.

Hier ist zu beachten: Um den Tagesablauf im Einklang mit den Maximalzeiten der Organe zu harmonisieren, sollte das entsprechende Organ in seiner Hochphase mit passender Ernährung und Bewegung unterstützt werden. Ist das Organ in einer Ruhephase, sollte es möglichst wenig gestört werden.

Prof. TCM (Univ. Yunnan) Li Wu: Die Organuhr, Leben im Rhythmus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), Mankau Verlag, 1. Aufl. Mai 2014; 9,95 €

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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