Interview mit dem tiefenpsychologischen Coach Andreas Winter

Andreas Winter

Andreas Winter

„Ohne Stress keine chronische Krankheit“

„Unsere Intelligenz kann nicht nur Geniales leisten, sondern leider auch im Unterbewusstsein Konflikte hervorrufen und schädliche Verhaltensmuster verankern. Wenn unser Körper durch unsere Ängste, Scham- oder Schuldgefühle permanent gestresst wird, kann er unsere chronischen Beschwerden nicht heilen. Wenn jedoch problematische Verhaltensmuster und negative Glaubenssätze in einer tiefenpsychologischen Analyse aufgedeckt werden, können sie emotional neu bewertet und aufgelöst werden, und unser Körper heilt unsere ‚Krankheiten‘ von selbst.“ Auf seiner Vortragstour durch Deutschland, Österreich, Liechtenstein und die Schweiz im März 2013, deren Live-Mitschnitt auf der Film-DVD „Heilen durch Erkenntnis“ zu sehen ist, hat der Diplom-Pädagoge und „Psychocoach“ Andreas Winter Hunderten von Zuhörern seinen erfolgreichen tiefenpsychologischen Ansatz zur Heilung von Blockaden und Beschwerden vorgestellt.

Mehr als zwei Wochen waren Sie mit Ihrer Vortragstournee „Denkst Du anders, lebst Du anders“ im gesamten deutschsprachigen Raum unterwegs. Welche Begegnungen mit Ihren Zuhörern haben Sie dabei besonders beeindruckt?

Winter: Besonders beeindruckend fand ich, dass mir sehr viele Menschen erzählten, wie sie allein durch meine Bücher und CDs ihre gesundheitlichen Beschwerden losgeworden sind. Besonders gefreut hat es mich natürlich auch, wenn gestandene Männer, die mit über der Brust verschränkten Armen und kraus gezogener Stirn da saßen und offenkundig von ihren Frauen zum Vortrag mitgebracht worden waren, bei der Verabschiedung sagten, wie logisch und nachvollziehbar sie die Ausführungen fanden. Wissen Sie, mit ein bisschen Atmosphäre die Stammleser und Fans zu begeistern, ist das Eine, aber kritische Skeptiker innerhalb eines Vortrages zu überzeugen – das ist schon etwas anderes, und solche Momente gab es auf der Tour reichlich. Was mich sehr wunderte, ist, dass nicht nur aufgeschlossene junge Leute im Publikum saßen, sondern auch einige recht betagte Senioren, von denen ich eigentlich erwartet hätte, dass sie eher mit den traditionellen schulmedizinischen Denkweisen konform gehen. Aber die Zustimmung war wirklich sehr breit.

Nicht nur Betroffene, sondern auch Fachleute wie Mediziner oder Psychotherapeuten besuchen Ihre Vorträge. Auf welche Einwände und Gegenpositionen treffen Sie bei diesen?

Winter: Ganz ehrlich? Auf keine. In der ersten halben Stunde redet ja für gewöhnlich niemand dazwischen, sondern man hört sich erst einmal den Vortrag eine Weile lang an. Wenn man mir also gestattet, meinen Ansatz darzustellen, wird man im Regelfall das, was ich da versuche zu zeigen, an sich selbst prüfen und bestätigen können. Es ist also eher so, dass auch die medizinischen Fachleute den Ausführungen beipflichten, sie sogar – auch das habe ich erlebt – mit eigenen Erfahrungen untermauern. Natürlich gibt es immer mal Menschen, die sagen: „Das kann nicht sein, dass eine Krankheit einfach so verschwindet“, aber dahinter stand bislang nie Sachkenntnis, sondern nur ein Vorbehalt. Nur ein einziges Mal habe ich es in einem vollbesetzten Saal mit 120 Zuhörern erlebt, dass einer aufstand und mich wütend bezichtigte, „Hasstiraden gegen die Medizin“ zu äußern, weil ich sagte, dass die Medizinindustrie ein Wirtschaftszweig ist, dessen Zielsetzung es nicht ist, Menschen zu heilen, sondern deren Krankheiten mit medizinischen Mitteln möglichst lange erträglich zu halten. Allerdings empörte sich das ganze Publikum über den Mann, der wahrscheinlich sogar ein Pharma-Vertreter war. Dieser Vorfall ist aber auch schon fünf Jahre her, er ereignete sich bei der Vorstellung meines Buches „Heilen ohne Medikamente“. Gelegentlich laden mich sogar Ärzte in ihre Kliniken zu Vorträgen ein – so schlimm kann das also gar nicht sein, was ich da erzähle.

„Ohne Stress keine chronische Krankheit“ lautet die prägnante Botschaft Ihres Ansatzes. Welche Beschwerden sind im Einzelnen darunter zu verstehen, und welche Art von Stress ist hier gemeint?

Winter: Ich unterscheide zwischen erworbenen physiologischen Störungen mit somatischer Ursache und den chronischen Symptomen, die keine Ursache auf körperlich-physikalischer Ebene haben. Wenn ich krank werde und bleibe, ohne entweder zu genesen oder zu versterben, muss es einen weiteren Faktor geben, der erklärt, warum ich nicht gesund werde, und vielleicht sogar, warum ich überhaupt krank geworden bin, derweil andere Menschen in gleicher Situation verschont blieben. Wie etwa bei sämtlichen Ansteckungskrankheiten: Wenn beispielsweise ein Versammlungsraum voller Keime ist, aber nicht alle sich darin befindlichen Menschen krank werden, dann stellt sich die Frage, warum das so ist. Wenn nur einige Raucher Krebs und nur einige Vielesser ein Übergewicht bekommen, dann lässt sich bei den Erkrankten immer der Faktor „chronischer Stress“ isolieren. Chronischer Stress entsteht, wenn der Auslöser nicht ein temporäres Ereignis, sondern ein permanentes Empfinden oder zumindest ein leicht anzutriggerndes Gefühl ist, wie etwa Angst vor Ablehnung, Schuld-, Scham- und Bevormundungsgefühle oder die Angst vor Kontrollverlust.; wenn die Stressquelle also nicht einfach wieder verschwindet, sondern man sie „im Kopf“ mit sich herumträgt wie einen schweren Koffer. So können Stresshormone nicht einfach abgebaut werden, sondern verbleiben so lange im Körper, dass sie die Abwehr schwächen und organschädigend wirken.

Heilen durch Erkenntnis

Heilen durch Erkenntnis

Ihre Bücher und Vorträge zeichnen sich durch Anschaulichkeit und Verständlichkeit auch für Laien aus; trotzdem berufen sie sich ausdrücklich auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Welche Ansätze und Theorien haben Sie bei der Formulierung Ihrer Thesen besonders geprägt?

 Winter: Bereits als Teenager fand ich es nicht nur spannend, sondern auch tröstlich, dass der große Individualpsychologe Alfred Adler Krankheiten und Störungen nicht auf Pech, Zufall oder Erbanlagen, sondern auf biografische Ursachen, genauer auf Wahrnehmungsmuster zurückführte. Wenn ein Mensch in seiner Kindheit immer wieder die gleichen negativen Erfahrungen macht, festigt sich ein entsprechend negativ geprägtes Weltbild. Auch der Verhaltensforscher Jean Piaget trug mit seiner Forschung über die geistige Entwicklung des Menschen enorm zu meiner These bei, dass ein Mensch mit seiner Intelligenz nicht nur Geniales leisten, sondern auch konfliktäres Verhalten hervorbringen kann. Die Logik und die Wahrnehmung von Kindern ist – reifebedingt – eine ganz andere als bei Erwachsenen. Aber bereits in der frühen Kindheit werden unsere Verhaltensmuster programmiert. Der Stressforscher Richard Lazarus liefert uns die Erkenntnis, dass Stress ganz subjektiv interpretierbar ist – was den einen stresst, empfindet der andere als harmlos, und die NLP-Pioniere Grinder und Bandler lieferten das Werkzeug, um diesen Stress umzudeuten, zu „reframen“. Das alles zusammen brachte mich auf die Spur meiner Methode, negative Verhaltensmuster mittels tiefenpsychologischer Analyse aufzudecken und emotional neu bewerten zu lassen.

Die Vortragssituation lebt vom direkten Kontakt zu den Zuschauern und Zuhörern. Wie sehr profitieren Sie vom Feedback Ihres Publikums, und was trägt davon zur Weiterentwicklung Ihrer Methode bei?

Winter: Es ist natürlich schön, vor einigen Hundert Menschen zu sprechen. Wenn auf diese dann auch noch der Funke überspringt, ist das schon ein tolles Gefühl. Ich suche immer die kritische Herausforderung mit meinen Zuhörern, denn mit bloßem Abnicken kann ich nichts anfangen. Erst wenn ich den Eindruck habe, dass die Menschen durch mich etwas gewonnen haben, war der Abend richtig gut. Die Fragen und Diskussionen nach dem Vortrag geben mir die Chance, anschaulich zu demonstrieren, wie man Stressfaktoren isoliert und unschädlich macht. Da wird also oft im Anschluss auch mal eben „therapiert“, korrekt gesagt: ein belastendes Ereignis aus der Kindheit bewusst gemacht und umgedeutet.

Neben den eigentlichen Vorträgen enthält die DVD auch Interviews mit Experten. Wer kommt hier alles zu Wort und welche tieferen Einblicke in Ihre Arbeit erlauben diese Gespräche?

Winter: Ich spreche unter anderem mit dem Schweizer Bewusstseinsforscher Bruno Württenberger, dem Fernsehpfarrer Jürgen Fliege oder auch mit der österreichischen Herausgeberin des Magazins „Pulsar“, Dr. Marlies Bach. Aber ich traf auf der Tour auch Menschen, die selbst einmal ein Coaching nach meinem Ansatz erfahren haben oder die bei mir diese Methode selbst erlernt haben. Der besondere, einheitliche Tenor der Gespräche ist: „Heilung ist einfach, braucht keine Medizin und das spricht sich langsam herum.“

Sie unterscheiden zwischen somatischen Krankheiten und psychosomatischen Symptomen, wobei Letztere nicht mit Medikamenten, sondern mit „Bewusstsein“ zu behandeln seien. Wo kann man hier die Grenze ziehen, und auf welche Grenzen stößt Ihr tiefenpsychologischer Ansatz?

 Winter: Naja, das Bewusstsein selbst ist es eigentlich nicht, das heilt. Der Körper heilt sich selbst von ganz allein, wenn man ihn lässt. Wer mit seinen chronischen Ängsten permanent für die Ausschüttung von Stresshormonen sorgt, der hindert seinen Körper an der Heilung. Wer ihn dagegen mit förderlichen Neurotransmittern unterstützt, also mit Antriebssteigerung, Euphorie, Motivation, Hoffnung, Liebe und dergleichen, der kann noch mehr, als einfach nur gesund sein. Knochenbrüche, Wunden und Infektionen heilen viel schneller, wenn der Patient mit Blick nach vorn seinen Lebenswillen spürt, seine Möglichkeiten kennt und einen Sinn im Leben sieht. Eine Beschränkung dieser Möglichkeiten mag es geben, aber derzeit ist keine bekannt. Ein Körper kann alles, wozu der Geist ihn formt. Die einzige Grenze bieten unsere derzeitigen praktischen Möglichkeiten, aber das ist nur eine Frage der Entwicklung.

Was muss man mitbringen, wenn man diese Methode selbst erlernen will, und wie beginnt man am besten damit?

Winter: Die Methode erlernt man genau, wie man ein Instrument erlernt: Ohne Begeisterung und Interesse geht gar nichts; mit dem nötigen Feuer für die Psychologie, einer Menge Reflexionsvermögen, Überzeugungskraft und Selbstsicherheit wird man aber sehr schnell virtuos. Meine Ausbildung dauert fünf Tage – der Rest ist Training. Erfolgserlebnisse werden in der Praxis gesammelt, und nach etwa einem Jahr ist es egal, ob die Menschen mit einem Übergewicht, Alkoholismus, einer Borderline-Störung oder Krebs zu einem Coach kommen. Das Verfahren ist immer das Gleiche: negative Glaubenssätze auflösen, Ursachen analysieren, reframen und das Ganze im Unterbewusstsein verankern – fertig. Beginnen sollte man damit, dass man über verschiedene Symptome nachdenkt und sich die Frage beantwortet, was diese wohl hervorgerufen hat: „Sieh dir die Krone eines Baumes an, und du erkennst seine Wurzeln“, sage ich.

Andreas Winter: Heilen durch Erkenntnis
Das Winter-Coaching: Unterwegs zum Verständnis unserer Psyche
Film-Mitschnitt der Vortragstour „Denkst Du anders, lebst Du anders“ im März 2013, Mankau Verlag, 1. Aufl. November 2013; 16,95 Euro (D/A), Film-DVD, Gesamtlänge ca. 107 Min.

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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