Interview mit Herbert Schwinghammer über die Knigge-Regeln

Herbert Schwinghammer

Herbert Schwinghammer

„Die Knigge-Regeln sind allgemeingültig und dienen allen!“

„Die Knigge-Regeln sind ein maßgebender Standard, den sehr viele Menschen kennen und auch zur Bewertung ihrer Mitmenschen heranziehen. Die Notwendigkeit, für ein geordnetes Zusammenleben Regeln zu befolgen, hat sich im Laufe der Zeit nicht erübrigt. Auch heutzutage ist die Freiheit nicht grenzenlos und jeder Mensch muss anerkennen, dass er die Rechte und Gefühle der anderen zu berücksichtigen und zu respektieren hat.“ In seinem neu aufgelegten und aktualisierten Taschenbuch Der neue Taschen-Knigge vermittelt der Sachbuchautor Herbert Schwinghammer seine langjährige Erfahrung und tiefgreifenden Kenntnisse auf dem Gebiet der Benimmregeln und verhilft zu einem sicheren Auftreten und sympathischen Verhalten in jeder Lebenslage.

Herr Schwinghammer, seit vielen Jahren beschäftigen Sie sich mit den zahlreichen Regeln und Konventionen für das richtige Benehmen in jeder Lebenslage. Können Sie ein Beispiel nennen, welche Umgangsformen Sie aus heutiger Sicht als eindeutig überholt einschätzen?

 Schwinghammer: Es sind die Umgangsformen, die heutzutage praktisch niemand mehr anwendet, weil sie nicht mehr allgemein bekannt sind. Trotzdem tauchen sie in Klassikern der Benimmregeln noch immer auf. Das gravierendste Beispiel dafür ist für mich das (erlaubte) Schlürfen beim Essen der Suppe – oder gar das Austrinken des Suppenrests direkt aus der Suppentasse.

Gerade heutzutage gewinnen wir doch den Eindruck, dass sich viele Menschen eher selbstsüchtig verhalten und sich über sogenannte Benimmregeln einfach hinwegsetzen. Haben diese „Egoisten“ langfristig in Beruf oder Freizeit eine Chance oder ist zu erwarten, dass sie eher keinen Fuß fassen?

 Schwinghammer: Das kommt auf die Personen an, die dieses Verhalten zu bewerten haben. Im Berufs- bzw. Geschäftsleben berücksichtigen die Entscheider auch die soziale Kompetenz, wenn sie eine Beurteilung schreiben oder über Bewerber für eine Stelle entscheiden. Und zur sozialen Kompetenz gehört eben auch ein „kompatibles“ Verhalten der Mitarbeiter untereinander, das sich im Benehmen widerspiegelt. Im Allgemeinen ist anzunehmen, dass in diesem Bereich die Ignoranten von Benimmregeln keine Chance haben. Im Freizeitbereich ist das kulturelle Level der Umgebung entscheidend, ob ein schlechtes Benehmen negativ auffällt oder hingenommen wird. In den meisten Fällen dürften sich Bekannte und Freunde von unangemessenem Benehmen abgestoßen fühlen.

Oft handeln wir – ob richtig oder falsch, sei dahingestellt – in bestimmten Situationen nach unserem Gefühl oder gesundem Menschenverstand. Woher kommt das – ist dies Teil unserer Erziehung?

 Schwinghammer: Nach Gefühl zu handeln, setzt sowohl eine gewisse Sensibilität gegenüber anderen Menschen als auch gegenüber sich selbst voraus. Das kann nie falsch sein. Denn es führt zu einem Handeln, das einer gewissen Selbstkontrolle unterliegt und praktisch immer einen angenehmen Umgang mit anderen Menschen ermöglicht. Ausgenommen sind natürlich Gefühlsausbrüche aus Wut und Zorn, deren Verlauf häufig nicht mit den Benimmregeln zu vereinbaren ist. Gefühlvolles Handeln ist in der Regel nicht anerzogen, sondern Teil der Mentalität eines Menschen.

Das Benehmen vom gesunden Menschenverstand abhängig zu machen, würde ich nicht empfehlen, denn der „gesunde Menschenverstand“ wird gemeinhin sehr subjektiv eingesetzt. Wer zum Beispiel Verkehrsregeln erst interpretiert, bevor er sie befolgt, wird häufig schnell zur Überzeugung gelangen, dass der „gesunde Menschenverstand“ nicht immer ein guter und sicherer Ratgeber ist. Gleiches gilt auch für Benimmregeln – einfach befolgen ist sicher besser als grundsätzlich in Frage stellen.

Manche Menschen stoßen immer wieder an die Grenzen des guten Benehmens würden Sie das als menschlich oder einfach nur als unprofessionell bezeichnen?

Schwinghammer: Weder noch – denn eigentlich sollte es möglich sein, nicht „immer wieder“ an die Grenzen des guten Benehmens zu stoßen. Wer sich ernsthaft um ein angenehmes Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen bemüht, wird von den „Grenzen“ zu jeder Zeit weit entfernt sein.

In Fragen des guten Benehmens lassen wir uns gern anleiten – liegt das an der starken Allgemeingültigkeit der Knigge-Regeln, die sich zudem bereits bestens bewährt haben, oder an unserer Angst anzuecken?

Schwinghammer: Es dürfte daran liegen, dass das Wissen um die Knigge-Regeln und deren Anwendung Sicherheit im Auftreten in Gesellschaft gibt. Denn die Knigge-Regeln sind ein maßgebender Standard, den sehr viele Menschen kennen. Deshalb kann man auch von einer Allgemeingültigkeit der Knigge-Regeln sprechen.

Ihrer Meinung nach lohnt sich gerade im 21. Jahrhundert wieder freundliches und höfliches Verhalten. Was kann der Einzelne tun, damit dieses Verhalten letzten Endes natürlich und nicht „aufgesetztwirkt?

Schwinghammer: Eigentlich sollten Freundlichkeit und Höflichkeit von innen heraus kommen und nicht als Floskeln auswendig gelernt werden müssen. Im Dienstleistungsgewerbe beispielsweise ist dieser Unterschied manchmal gut zu erkennen. Aber neben aller eigenen Freundlichkeit und Höflichkeit ist trotzdem eine gute Ausbildung notwendig, um auch in Stresssituationen nicht die Contenance zu verlieren. Im Prinzip ist es gerade im gewerblichen Bereich immer noch besser, den Kunden, Patienten oder Gast mit angelernter, vielleicht auch „aufgesetzter“ Freundlichkeit und Höflichkeit zu behandeln, als schlechte Umgangsformen an den Tag zu legen.

Aber auch im privaten Bereich empfiehlt es sich meistens, dem Ärger nicht freien Lauf zu lassen, sondern besonnen zu reagieren. Das heißt aber nicht, dass man grundsätzlich keine Kritik üben beziehungsweise keine Missstände benennen sollte. Denn das ist natürlich erlaubt und auch notwendig, weil ja häufig Fehlverhalten oder Unfreundlichkeit eines anderen Menschen der Anlass ist. Freundlichkeit ist dann nicht unbedingt gefragt, aber Höflichkeit durchaus.

 Woher leiten Sie die zeitgemäßen Regeln ab, zum Beispiel zu modernen Kommunikationsformen oder im heutigen Berufsleben, wie Sie sie in Ihrem Taschen-Knigge beschreiben?

Schwinghammer: Die Notwendigkeit, für ein geordnetes Zusammenleben Regeln zu befolgen, hat sich im Laufe der Zeit nicht erübrigt. Denn auch heutzutage ist die Freiheit nicht grenzenlos und jeder Mensch muss anerkennen, dass er die Rechte seiner Mitmenschen, ob es nun um körperliche Unversehrtheit geht oder „nur“ um das Recht, höflich und rücksichtsvoll behandelt zu werden, zu respektieren hat. Heute gilt das auch für den Gebrauch unserer neueren Techniken wie E-Mail sowie für die Social Media wie Facebook, Twitter oder Google+. Das Internet ist kein rechtefreier Raum, und es gibt keinen Grund, in diesem Bereich die Benimmregeln zu vergessen, denn auch die neuen Medien sollen eine Kommunikationsform zwischen zivilisierten Menschen darstellen.

Was das heutige Berufsleben angeht, unterscheidet es sich zwar in vielen Dingen von früheren Zeiten, auch wenn es nur um wenige Jahrzehnte geht, aber der Umgang unter Vorgesetzen und Kollegen sollte noch immer von Fairness, Höflichkeit und Freundlichkeit bestimmt sein. Denn ein gutes Betriebsklima steigert die Produktivität des Betriebs und sichert damit letztendlich die Arbeitsplätze.

Schwinghammer, Herbert: Der neue Taschen-Knigge
Gute Umgangsformen in jeder Lebenslage
Vorwort von Carolin Lüdemann, Mitglied im Deutschen Knigge-Rat

1. Aufl. 2013, ISBN 978-3-86374-117-4, Taschenbuch, 354 S., 9,95 €

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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