Interview mit Andreas Winter über den Ausstieg aus dem Diätenwahn

Andreas Winter

Andreas Winter

Per „Klick im Kopf“ zum Wunschgewicht

„Eigentlich haben wir alle das Wissen an Bord, das wir brauchen, um mühelos abzunehmen. Der ‚Klick im Kopf‘ ist gar nicht so schwer zu erreichen, man braucht nur den Zugang zu den Informationen, die einem in der Regel vorenthalten werden. Ich betreibe also eine Art Aufklärung: Wer ohne Scham- und Schuldgefühle isst und sich dabei mündig und selbstsicher fühlt, nimmt seinem Körper den Grund, das Essen ‚festzuhalten‘ und Fett aufzubauen.“ Schritt für Schritt – ganz ohne Diätzwang, Ernährungsempfehlungen und Fitnessprogramme – erklärt „Psychocoach“ Andreas Winter in seinem Kompakt-Ratgeber aus der Bestseller-Reihe „Abnehmen ist leichter als Zunehmen“, wie wir innerhalb von zehn Tagen eingefahrene Verhaltensmuster durchbrechen und unseren Stoffwechsel auf Abnehmen umprogrammieren können.

Wie kamen Sie darauf, durch tiefenpsychologische Analysen und psychosomatische Ansätze den Bereich der Emotionen für unser Essverhalten verantwortlich zu machen?

Winter: Ich habe in der Schule gelernt, dass unser Verhalten nicht schematisch abläuft, wie in einem Uhrwerk, sondern durch Reize bedingt ist. Reize können durch Lernprozesse in einen Zusammenhang gebracht werden, wie etwa der Reiz der Schulglocke zu Beginn oder Ende des Unterrichts spezielle Gefühle auslösen kann. Reize sind Informationen, die eine Kaskade von Neurotransmittern freisetzen und damit die Körperfunktionen und das Verhalten steuern können. Reize werden nicht immer, oder sogar im seltensten Falle, bewusst wahrgenommen. Wir essen nur, wenn es einen Grund dafür gibt. Dass dieser Grund bei jemandem, der nicht an Nährstoffmangel leidet, kein Hunger sein kann, ist klar. Ich will damit etwas provokant zum Ausdruck bringen, dass mein Ansatz eigentlich jedem Menschen von Anfang an bekannt und selbstverständlich sein dürfte, wir aber durch unsere Ideologie davon abgelenkt werden. In unserer wirtschaftlich orientierten Gesellschaft ist es offenbar nicht sehr erwünscht, dass ein Mensch das Bewusstsein darüber erlangt, wie unabhängig er eigentlich sein könnte, also in unserem Falle nur isst, wenn er essen möchte, und dadurch auch ohne Hilfsmittel abnimmt.

 Der Erfolg gibt den von Ihnen entwickelten Thesen recht. Der an den Leser gerichtete Fragenkatalog, der ja einen wesentlichen Teil jedes der zehn Kapitel ausmacht, soll Tag für Tag beantwortet werden – sehen Sie das als eine Art persönliches Tagebuch, das es mit Sorgfalt zu führen gilt, um seine Verhaltensmuster zu erkennen?

Winter: Nein, eigentlich sind die Fragen ein Werkzeug für den Leser, um „am Ball“ zu bleiben. Es dauert einfach einige Tage, bis neue Erkenntnisse „neuronal durchverschaltet“ sind. Immer wieder ein Thema zu vertiefen erhöht die Virtuosität, denn schließlich soll man ja nicht mit Disziplin und guten Vorsätzen abnehmen, sondern weil es selbstverständlich geworden ist, dass der Körper keine ständige Nahrungszufuhr und erst recht keine „Vorratshaltung“ braucht. Man kann die Fragen aber sicherlich auch verwenden, um noch mehr in die Tiefe zu gehen. Je bewusster man sich alle Hintergründe seines Verhaltens macht, desto immuner ist man gegen Belehrungsversuche von außen. Außerdem hilft die kontinuierliche Beschäftigung mit den Hintergründen und Motiven der Gewichtszunahme, etwaige Scham- oder Schuldgefühle zu beseitigen. Je besser ich weiß, warum genau ich zugenommen habe, desto weniger halte ich mich für dumm oder für ein Opfer meiner Erbanlagen.

Abnehmen ist leichter als zunehmen

Abnehmen ist leichter als zunehmen

Es fällt auf, dass immer wieder Schlagwörter auftauchen wie „psychischer“ und „physischer Druck“, „persönliches Umfeld“, „Stress“ und „mangelndes Selbstwertgefühl“, die das Individuum Mensch zu bewältigen hat. Ist die Befreiung von all diesen Dingen Ihrer Überzeugung nach nicht die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Gewichtsabnahme?

Winter: Nun, es gibt eigentlich zwei Wege nach Rom: Entweder man versteht, dass Essen nicht tröstet, oder man macht den Trost überflüssig. Bei einer Diät isst man nicht, weil man sich belohnen möchte – wofür man sich im Anschluss schämt, sondern man isst, weil man schlank werden möchte. Man freut sich über das Essen, ohne sich zu schämen. Aber „trösten“ tut es nicht. Daher nimmt man ab. Das ist natürlich unreflektiert und eigentlich ziemlich albern. Wenn ich allerdings beim Essen gar nicht erst Scham- oder Schuldgefühle habe, weil ich mich selbstsicher und mündig fühle, dann kann ich ebenso nicht zunehmen, weil Fett nur dann aufgebaut wird, wenn ich mich abhängig fühle. Die biochemische Entsprechung eines empfundenen Mangels lässt einen Menschen, im Übrigen aber auch Tiere, zunehmen. Ohne Mangelgefühl kein Fettaufbau.

Selbsterkenntnis ist also der Weg, der zunächst eingeschlagen werden sollte. Oft ist das im alltäglichen Leben gar nicht so einfach. Wie erklären Sie sich, dass es dank Ihren Ansätzen viele Menschen doch schon „geschafft“ haben, sich von alten Verhaltensmustern zu lösen?

Winter: Wie ich schon sagte: Eigentlich haben wir das Wissen alle an Bord, es wurde uns nur verboten, daran zu glauben. Bekommt man durch mein Buch ein Stück Selbstvertrauen zurück, dann erwacht auch die Bereitschaft, wieder etwas kritischer durchs Leben zu gehen. „Mut ersetzt Symptome“, sage ich immer. Ich denke, ein jeder Mensch will kerngesund und leidfrei leben, und jedes Hilfsmittel dazu ist der Psyche willkommen. Der „Klick im Kopf“ ist gar nicht so schwer zu erreichen, man braucht nur den Zugang zu den Informationen, die einem in der Regel vorenthalten werden. Eigentlich betreibe ich nur eine Art Aufklärung: Ich kläre darüber auf, dass man als Kind schon alles richtig gemacht hat, zum Beispiel hat man dann gegessen, wenn man Nährstoffe brauchte. Sobald ein Mensch merkt, dass er ein Leben lang mit Lügen und Irrtümern vollgestopft wurde und dadurch auch noch krank, dick und erfolglos geworden ist, wird er von ganz alleine einen anderen Weg einschlagen – vorausgesetzt, er versteht, dass der Gegenwind, der einem dann droht, nicht so unangenehm ist wie das Leid, das man bisher in Kauf genommen hat. Meine Leser und Klienten berichten mir jedenfalls von enormen Selbstwertsteigerungen – aufgrund derer sich allerdings oftmals im gesamten persönlichen Umfeld, beruflich wie privat, starke Veränderungen einstellen. Also Vorsicht: Wenn Sie mein Buch lesen, wird sich Ihr Leben verändern – obwohl Sie nur abnehmen wollten!

In Ihrem Buch bringen Sie zahlreiche Fallbeispiele, die auch den Lesern Mut machen, sich noch einmal mit ihren Gewichtsproblemen auseinanderzusetzen und neuen Schwung an den Tag zu legen, ihr Übergewicht zu bekämpfen. Wie erklären Sie sich das Vertrauen, das Ihnen die Menschen entgegenbringen?

Winter: Ob es immer Vertrauen ist, weiß ich nicht. Vielleicht ist auch oftmals schiere Verzweiflung der Beweggrund für die Beschäftigung mit meinen Büchern. Ich denke aber, dass wir alle eine ganz feine Antenne dafür haben, ob uns jemand reinen Wein einschenkt und uns zur Entscheidungsfreiheit verhilft oder ob uns jemand mit Einschränkungen zu manipulieren versucht. Elektrischer Strom und Wasser mögen keine Widerstände, habe ich mal gesagt. Das gilt auch für die menschliche Psyche. Wir ziehen den einfachen Weg zum Erfolg vor.

Wer versteht, dass seine Essgewohnheiten nichts mit Ernährung, sondern immer nur mit Trost, Beruhigung, Belohnung und Aufmerksamkeitsersatz zu tun hatten, und darüber hinaus begreift, wie man sich diese Gefühle auch ohne Speisen verschafft, der wird nie wieder etwas anderes glauben.

Haben Sie bereits Erfahrungswerte, die Ihrer These „Abnehmen ist leichter als Zunehmen“ auch langfristig betrachtet recht geben?

Winter: Als ich im Jahr 1985 als junger Student anfing, Menschen zu helfen, das Rauchen aufzugeben, ihre Ängste zu überwinden oder abzunehmen, da war ich zunächst etwas überrascht, wie mühelos und nachhaltig es den meisten gelang, ihr Problem hinter sich zu lassen. Auch nach Jahren waren sie noch immer davon befreit. Dann, ab 1999, begann ich zu erforschen, warum ich andere Ergebnisse bekomme als viele andere, und die Antwort lautet: Wenn ein dem Symptom zugrundeliegendes Muster aufgelöst ist, dann müsste es neu aufgebaut werden, um erneut Symptome zu erzeugen. Das kann aber kein Erwachsener. Nur ein Kind kann stressbedingte Angstmuster schaffen, weil nur ein Kind kein Zeitempfinden hat und daher nicht weiß, dass Stress wieder vorbeigeht. Im Gegensatz zu einer sinnvollen Konditionierung, wie etwa bei einer Verkehrsampel, Schulglocke oder einem Elektroweidezaun, kommen genau diese leidvollen Verhaltensmuster aus der frühen Kindheit, wohin wir sie dann „zurückschicken“.

Über frühere Erfolge meiner Abnehmkandidaten wurde in den letzten Jahren oft in der Presse geschrieben. Mittlerweile geschieht das seltener, vielleicht weil sich die Magazine nicht die Anzeigenkunden aus der Abnehm-Industrie verprellen wollen. Vor einigen Monaten wurde auf RTL der Bericht über eine Frau gesendet, die bei mir in der Praxis war. Sie hat von 168 Kilo auf nun 150 Kilo abgenommen, Tendenz weiter fallend. Doch sie hat zusätzlich zwischenzeitlich fast alle anderen Probleme in ihrem Leben gelöst. Vor kurzer Zeit erreichte mich die Mail einer Leserin, die Anfang 2012 das Abnehm-Praxisbuch gelesen und bis Juli 2013 insgesamt 53 Kilo abgenommen hat. Es liegt in der Natur der Sache, dass es, wenn man es einmal begriffen hat, keinen Jojo-Effekt mehr geben kann. Ein Reifeschritt lässt sich nicht rückgängig machen. Viele interessante Erfolgsberichte gibt es auch in meinem Online-Forum auf der Internetseite des Mankau Verlages.

Andreas Winter: Abnehmen ist leichter als Zunehmen
Das 10-Tage-Programm, Kompakt-Ratgeber
Mankau Verlag, 1. Aufl. Aug. 2013; 7,95 Euro (D) / 8,20 Euro (A)
Klappenbroschur, 95 S., ISBN 978-3-86374-126-6

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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