Interview mit Dr. med. Daniel Dufour über die OGE-Methode

Daniel Dufour

Daniel Dufour

Emotionen erkennen, akzeptieren und ausleben

„Im Hier und Jetzt zu leben bedeutet, unsere Aufmerksamkeit auf unseren Körper und unsere Sinne zu lenken; nur so können wir auch unsere Emotionen und den Menschen wahrnehmen, der wir wirklich sind. Vernachlässigen wir die Liebe zu uns selbst, sendet uns unser Körper – als unser bester Freund – Signale in Form von Beschwerden und Krankheiten. Schwere Momente im Leben geben uns Gelegenheit, uns selbst wiederzuentdecken, unsere unterdrückten Emotionen auszuleben und so in Kontakt mit unserem ganzen Potenzial zu stehen.“ Der Genfer Arzt Dr. med. Daniel Dufour, Begründer der OGE-Methode, erläutert in seinem zweiten deutschsprachigen Buch „Die Heilkraft innerer Krisen“, wie wir Krankheiten und Krisen meistern können, gestärkt daraus hervorgehen und mit neuem Selbstbewusstsein nach vorn sehen können.

Wie bereits in „Das verlassene Kind“ plädieren Sie in „Die Heilkraft innerer Krisen“ dafür, Emotionen anzunehmen und auszuleben. Worin unterscheiden sich beide Bücher?

Dr. Dufour: Es ist extrem wichtig, seine Emotionen zu erkennen, anzunehmen und auszuleben, damit es uns sowohl körperlich als auch psychisch gut geht. Deshalb findet sich auch in beiden Büchern dieser Ansatz, der genauso entscheidend ist für den Umgang mit kindlichen Erfahrungen des Verlassenwerdens wie auch für den Umgang mit existentiellen Krisen. Das Buch „Die Heilkraft innerer Krisen“ geht zum einen genauer darauf ein, wie wir diese Emotionen ausleben sollen, zum anderen auf die wichtige Rolle, welche die „Denke“ für unsere Gesundheit spielt.

Was bedeutet Gesundheit, was bedeutet Krankheit gemäß Ihrem Ansatz – und worin besteht das heilende Potenzial einer Lebenskrise?

Dr. Dufour: Krankheiten sind ein Signal unseres Körpers, der unser bester Freund ist. Der Körper will unsere Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken, dass wir uns nicht respektieren, weil wir entweder gerade nicht im Hier und Jetzt weilen, abgeschnitten von unseren Emotionen –  Freude, Trauer, Wut – sind oder keine Verbindung mehr zu uns haben, zu unserem angeborenen Wissen, unserem innersten Kern. Der Hauptschuldige für diese Art der Nicht-Liebe ist die „Denke“. Man kann erst dann seine Gesundheit wiedererlangen, wenn man versucht, besagte Denke zum Schweigen zu bringen, um den Menschen wiederzufinden, der man eigentlich ist. Schwere Momente im Leben wie Krankheiten oder Leiden sind da, um uns Gelegenheit zu geben, uns selbst als einen Menschen wiederzuentdecken, der im Hier und Jetzt lebt, der seine Emotionen auslebt und in Kontakt mit seinem ganzen Potenzial steht.

Der Körper bzw. seine Krankheiten gelten Ihnen also als „bester Freund“, dessen Botschaften es ernst zu nehmen und entsprechende Fehlentwicklungen zu korrigieren gilt. Welche Konsequenzen hat das für die Medizin?

Dr. Dufour: Die zentrale Vorstellung der Schulmedizin besteht darin, dass Krankheiten etwas Fatales sind. Folglich hat sie eine ganze Strategie entwickelt, um gegen die Symptome anzukämpfen. Eine Krankheit wird somit als Feind betrachtet, und man muss dem Körper, der als eine Summe von Geweben und Organen gesehen wird, dabei helfen, wieder zu Kräften zu kommen. Deshalb wird dem Arzt und seinem Patienten ein ganzes therapeutisches Arsenal zur Verfügung gestellt, um die Viren, die Bakterien oder die entarteten Zellen zu bekämpfen, und sie alle tragen das Präfix „anti-“ im Namen: antiviral, antibakteriell, antimitotisch … Der Therapeut verfügt über das Wissen, um dem Patienten zu helfen, damit es ihm besser geht, und dieser hofft, dass der ganze Kampf gegen die Krankheit erfolgreich ist … Es ist interessant zu sehen, dass der Betroffene bei diesem Kampf gegen die Krankheit eher passiv bleibt und dass er nichts aus all dem, was ihm zustößt, lernen wird!

Wenn wir aber davon ausgehen, dass unser Körper unser bester Freund ist und dass die jeweilige Krankheit nur ein Signal ist, das er uns zu senden versucht, damit wir verstehen, was wir im Leben falsch machen, dann bedeutet das auch, dass der einzige Mensch, der diese Nachricht verstehen kann, der Betroffene selbst ist. Der Arzt muss ihn deshalb auf dem Weg zu diesem Verständnis und zur Heilung begleiten, indem er den Patienten dazu anhält zu korrigieren, was in seinem Leben falsch läuft. Die Medikamente stehen dann auch nicht mehr im Mittelpunkt des Kampfes, denn es gibt keinen Kampf mehr, sondern nur noch das genaue Hinhören darauf, was unser bester Freund uns sagen will. Der Patient steht im Mittelpunkt, er ist aktiv, und das wird ihm erlauben, Rückfälle zu vermeiden, einen chronischen Verlauf seiner Erkrankung zu umgehen und zu genesen.

Dieser Ansatz erlaubt es uns, den Ursachen unserer Leiden auf den Grund zu gehen, statt gegen die Symptome anzukämpfen. Er ist viel effektiver und lohnender für den Patienten und den Therapeuten, verlangt von beiden aber auch mehr Geduld und Demut.

Unterdrückte Emotionen wie Wut und Trauer sollen die Ursache vieler, wenn nicht aller Erkrankungen sein. Was genau hat man sich darunter vorzustellen?

Dr. Dufour: Unterdrückte Emotionen sind in der Tat die Ursache unserer Leiden. Deshalb ist es für uns sehr wichtig, uns das Recht zuzugestehen, unsere Emotionen zu erkennen und anzunehmen, um sie im Anschluss auch ausleben zu können. So tun wir uns etwas Gutes. Das macht man allein und ohne andere, um dabei ganz frei zu sein und sich respekt- und liebevoll zu behandeln. Die Liebe ist der Schlüssel, und wenn wir uns selbst Liebe zugestehen, können wir uns in einem zweiten Schritt auch anderen öffnen. Unser größter Feind ist die Denke, die uns vom Hier und Jetzt und von uns selbst trennt. Sie ist eine Folge unserer Erziehung im allgemeinen Sinn, die uns eintrichtert, unsere Emotionen zu unterdrücken und bloß nicht auszuleben. Folglich fällt es uns als Erwachsenen sehr schwer, eben dies zu machen. So aber schaffen wir Störungen und alle Krankheiten, an denen wir leiden. Das ist manchmal schwer zu ertragen, denn es ist immer leichter, anderen oder den Bakterien und Viren die Schuld zu geben, statt selbst die Verantwortung für unsere Leiden zu übernehmen. Aber wenn wir diesen Zusammenhang einmal erkannt und akzeptiert haben, erkennen wir auch, dass wir die Möglichkeit haben zu genesen!

Gegenüber der Bekämpfung von Symptomen plädieren Sie für eine Behandlung, die den Betroffenen wieder auf sein wahres Selbst und dessen Bedürfnisse ausrichtet. Wo sehen Sie die Chancen, wo die Risiken dieses Therapiekonzepts?

Dr. Dufour: Der Kampf gegen die Symptome kann in einem ersten Schritt nützlich sein, wenn eine Notlage besteht, und ich habe die Anwendung bestimmter „klassischer“ Medikamente oder therapeutischer Mittel auch nie ausgeschlossen. Aber dieser Ansatz ist unvollständig und unzureichend, wenn wir wirklich von unseren Leiden genesen wollen. Der einzige Weg, das zu erreichen, besteht darin, die wahren Gründe für unsere körperlichen und seelischen Leiden zu finden. Dann kann man eine echte Therapie beginnen, die über das Ausschalten der Denke, das Ausdrücken unserer Emotionen und die Rückkehr zu uns selbst verläuft, hin zu der Person, die wir eigentlich sind. Die Risiken dieses Ansatzes sind gleich Null und die Erfolgsaussichten sehr hoch. Außerdem sollte nicht übersehen werden, dass die Kosten eines solchen Vorgehens viel geringer sind als die der klassischen Behandlungsweise.

 Emotionen annehmen und ausleben, ausgewogene Ernährung und Liebe als Essenz des Lebens sind entscheidende Eckpfeiler Ihres ganzheitlichen Gesundheitskonzepts. Wie lassen sich diese großen Begriffe im Alltag umsetzen?

Dr. Dufour: Als Erstes sollte man versuchen, im Hier und Jetzt zu leben. Das schreibt oder sagt sich viel leichter, als es getan ist, denn unsere Denke ist sehr aktiv und macht es uns schwer, unsere Emotionen und den Menschen wahrzunehmen, der wir sind. Im Hier und Jetzt zu leben bedeutet, unsere Aufmerksamkeit auf unseren Körper und unsere Sinne zu richten. Das kann man jederzeit: Wir können unsere Aufmerksamkeit auf das Wasser der Dusche richten, die wir gerade nehmen, auf die Seife, die wir benutzen, um uns die Hände zu waschen, auf die Wärme zwischen unserer Kleidung und unserer Haut oder auf den Geschmack des Speichels in unserem Mund. Unsere Emotionen auszuleben, also sie auszudrücken, kann sich schwieriger gestalten, denn wir können das nicht vor und gegenüber anderen tun. Dafür müssen wir einen geeigneten Ort finden: das Innere unseres Autos, die Natur oder unter unserem Kopfkissen. Ich habe festgestellt, dass der Mensch sehr erfinderisch ist, wenn es um Orte und Möglichkeiten für dieses Ausleben geht.

Wie immer aber wird die Denke sich sträuben, und man muss sie regelmäßig ausschalten, um sich Gutes tun zu können. Jedes Mal, wenn wir uns das Recht zugestehen, unsere Denke auszuschalten, schenken wir uns Gehör und Respekt; jedes Mal, wenn wir uns erlauben, eine Emotion anzuerkennen, zu empfinden und auszudrücken, schenken wir uns Liebe. Und jedes Mal, wenn wir das tun, antwortet unser Körper, indem er Anspannung durch Entspannung ersetzt – ein sicheres Zeichen dafür, dass wir uns liebevoll behandeln.

Die Erkenntnis bzw. das Wiederfinden des inneren Kerns erscheint als der Schlüssel zur Gesundheit im Sinne des harmonischen Einklangs mit dem Kosmos. Wie kann dies erreicht werden, und welche Rolle kann ein Arzt oder Therapeut dabei spielen?

Dr. Dufour: Wir stehen über unseren innersten Kern mit dem Kosmos in Verbindung, denn wir sind Teil des Universums und das Universum ist in uns. All das ist übrigens auch durch die Quantenphysik bewiesen. Da jeder Mensch einzigartig ist, ist es einem Arzt oder Therapeuten unmöglich, so zu tun, als könne er einen solch einzigartigen Menschen ersetzen und an dessen Stelle genesen! Das ist eine gefährliche Illusion und zeugt von großer Ignoranz. Die Rolle des Therapeuten kann aber eine sehr nützliche sein, wenn er einen Betroffenen so begleitet, dass er sich selbst wiederfinden und unabhängig werden kann. Das ist eine außergewöhnliche und sehr bereichernde Aufgabe für einen Therapeuten, für die es auch viel Demut braucht – und viel Liebe.

Erstmals Seminare in deutscher Sprache!

Nach dem großen Erfolg seines ersten übersetzten Buches „Das verlassene Kind“ wird Dr. med. Daniel Dufour in den deutschsprachigen Ländern immer mehr Aufmerksamkeit und große Anerkennung zuteil. Daher wird der Begründer der OGE-Methode am 12. Oktober voraussichtlich in Frankfurt die ersten Seminare in deutscher Sprache anbieten, in denen er darlegt, wie durch eine bewusste Aufarbeitung von Emotionen Gefühlsverletzungen aus der Kindheit geheilt und Lebenskrisen gemeistert werden können.

Weitere Informationen: Tel. +41 (0)79 788 46 82, info.de@oge.biz, www.oge.biz

Dr. med. Daniel Dufour: Die Heilkraft innerer Krisen
Emotionen annehmen, ausleben – und heilen
Mankau Verlag, 1. Aufl. April 2013
Broschur, 15,1 x 23,5 cm, 158 Seiten, 14,95 €

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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