Franz M. Wuketits: Zivilisation in der Sackgasse

Franz Wuketits

Franz Wuketits

Gegen die Verhausschweinung des Menschen

Der Evolutionsforscher Franz Wuketits, der an der Universität Wien Philosophie der Biowissenschaften lehrt und 40 Bücher sowie weit über 400 Artikel publiziert hat, will mit seinem neuen Buch „Zivilisation in der Sackgasse“ keine Zivilisationskritik im Sinne einer pessimistischen Untergangsprophetie üben, sondern anhand der neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Disziplinen wie Evolutionsbiologie, Verhaltensforschung, Soziobiologie oder Anthropologie Wege gegen die „Verhausschweinung des Menschen“ und für eine „artgerechte Menschenhaltung“, aufzeigen, die auf die natürlichen Bedürfnisse des „Steinzeitmenschen in uns“ Rücksicht nimmt.

Sein Unbehagen an der Entwicklung der menschlichen Zivilisation drückt der Professor anhand konkreter Beispiele aus, die jeder von uns auch schon mal erlebt hat und die in dieser geballten Masse schon ein wenig Angst machen können. Insgesamt macht Franz Wuketits die Fehlentwicklungen in der Zivilisation, die diverse psychische Krankheiten wie Burnout und Depression zur Folge haben, an vier Phänomenen fest: Das erste Phänomen ist der Verlust der historischen Kontinuität: In keiner Epoche war man auf Reformen und Innovationen so versessen wie jetzt. Ob der Bau von unterirdischen Bahnhöfen (Stuttgart 21), die Reformation des Bildungswesens (Bologna, Turbo-Abitur) oder die Verlegung von Einkaufszentren auf die grüne Wiese, der Mensch ist zwar ein flexibles Wesen, stößt aber mit seiner Anpassungsleistung hier an seine Grenzen.

Das zweite Phänomen ist der Größenwahn und die damit verbundene Ideologie vom grenzenlosen Wachstum: Eisenbahnzüge sollen immer schneller, Flugzeuge immer größer, Straßen immer breiter und Bauwerke immer höher werden. Damit einher geht ein drittes Phänomen: die Beschleunigung. Statt Kaffeehäuser gibt es „Coffeeshops to go“, Bundesligatrainer werden nach drei sieglosen Spielen gefeuert, Beziehungen nach den ersten Problemen beendet (es gibt ja genug Singlebörsen im Internet) und Arbeitnehmer in Zeitarbeitsfirmen verramscht. Die Zeit des Trödelns und des gepflegten Müßiggangs ist vorbei, in diesem „Tempodrom“ haben Ruhe und Wohlbefinden keinen Platz mehr. Hinzu kommt als viertes Phänomen die Regulierungswut. Jedes kleinste Detail unseres Alltagslebens wird von Staatsbeamten und der EU geregelt, vermeintlich im Interesse unserer eigenen Sicherheit und Gesundheit. In Wahrheit geht es um die Entmündigung des Individuums, dass nicht mehr spüren soll, dass irgendetwas ganz gewaltig schief läuft.

Seiner Natur nach ist der Mensch das geborene Kleingruppenwesen. Weder das anonyme vereinsamte Singlewesen noch der globalisierte Weltbürger entspricht der wahren Natur des Menschen: „Nur eine Organisation menschlicher Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme in kleineren Einheiten mit Eigenverantwortung und Selbstverwaltung kann dem Einzelnen die ihm adäquaten Entfaltungsmöglichkeiten bieten“.  Seine Hoffnung setzt Wuketits auf die junge Generation der „Politikverdrossenen“, die schon lange den Glauben an die staatlichen und wirtschaftlichen Institutionen verloren haben und sich in weitestgehend gewaltfreien Rebellionen für eine andere, gerechtere, bessere Welt einsetzen.

Franz M. Wuketits: Zivilisation in der Sackgasse – Plädoyer für eine artgerechte Menschenhaltung, Mankau Verlag, 1. Aufl. November 2012, Hardcover mit Schutzumschlag, 262 S., 19,95 € (D)

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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