Schenkökonomie

Charles Eisenstein

Charles Eisenstein

»Wir wollen die Welt schöner machen«

Den größten Einfluss auf die Mächtigen dieser Welt hat die Occupy-Bewegung, denn sie ist die Stimme des Volkes und legt mit spielerischen Aktionen einen Finger in die Wunde unserer Zivilisation, dem ungesunden Wachstum von Schulden und Waren. Der einflussreichste Vordenker dieser Bewegung ist der amerikanische Philosoph und Mathematiker Charles Eisenstein. Seine aufrüttelnde, visionäre und weise Rede, die er auf dem Mystica-Kongress im Literaturhaus München gehalten hat, deutet die Menschheitsgeschichte als Prozess der zunehmenden Trennung von der Natur und den gegenwärtigen Umbruch als notwendigen Prozess des Erwachsenwerdens, in dem die Menschen lernen müssen, bedingungslos zu geben und sich in etwas Größeres als sie selbst einzubringen. Nach dem Auflösen der alten, trennenden Geldwirtschaft wird die Kultur der verbindenden Schenkökonomie anbrechen, die unsere innersten Gefühle anspricht und unsere Großzügigkeit weckt. Auszüge aus seiner Rede:

Wir leben in zwei Welten, der alten Welt und der neuen Welt. Was uns in die alte Welt zieht, ist die Geldwirtschaft, die wir als Stimme in unserem Kopf schon verinnerlicht haben. Die Geldwirtschaft und das Zinssystem haben uns nicht nur in eine wirtschaftliche und ökologische Krise gestürzt, sondern auch in eine spirituelle Krise. Wir beginnen zu begreifen, dass keine technische Lösung wie etwa der Rettungsschirm das Problem lösen kann. Eine Lösung kann nur auf einer umfassenderen, tieferen Ebene wachsen. Wir müssen begreifen, dass die Geldwirtschaft zu einer Trennung zwischen Mensch und Natur geführt hat, und das wir die Trennung nur aufheben können, wenn wir statt der Geldwirtschaft ein System der Schenkökonomie einführen, dass die Trennung aufhebt und die Verbundenheit fördert.

Die Geschichte der Trennung

Die Geschichte der Trennung von der Natur begann vor 3 Millionen Jahren, als der Mensch das Werkzeug erfand und plötzlich damit begann, die Natur zu manipulieren. Vor 300.000 Jahren kam das Feuer, ein großer Schritt raus aus der Einheit mit der Natur, denn nun gab es Menschen, die häuslich wurden, kochten und das Feuer bewachten. Vor 30.000 Jahren kam die Sprache dazu, und der Mensch lernte, die Welt in Konzepte einzuteilen und zu kategorisieren. Vor 5000 Jahren kam die Landwirtschaft und die Domestizierung von Tieren, vor ein paar 100 Jahren erfand der Mensch die Maschine. Damit erschuf er zum ersten Mal eine komplett künstliche Welt und unterlag nicht mehr den Beschränkungen der anderen Lebewesen, er konnte jetzt überall hinreisen und alles bauen, was er wollte. Vor 20 Jahren erfanden wir das digitale Zeitalter und lösten damit eine virtuelle Revolution aus, denen Auswirkungen noch gar nicht abzusehen sind.

Jeder Schritt in der Menschheitsgeschichte kam zehn mal schneller als der vorherige. Und wenn sich dieses Muster fortsetzt, kommt alle paar Jahre eine neue Krise, neue Turbulenzen, die alles verändert, was vorher war. Was können wir daraus lernen? Offenbar gab es die gesamte Menschheitsgeschichte über Zeiten des Wandels, des Übergangs und der Krise, der Wandel gehört einfach zu unserer Menschheitsgeschichte dazu und ist für die Entwicklung einer Spezies notwendig. Auch jetzt stehen wir vor so einem Wandel, einem Übergang von etwas Altem zu etwas Neuem. Der Wandel fühlt sich jetzt nur tiefer und grundlegender an. Meiner Meinung nach ist das der Wandel von der Geschichte der Trennung hin zu einer Geschichte der Verbindung und der Nachhaltigkeit.

Was verändert sich?

Ich habe das Gefühl, das selbst die Machtelite nicht mehr an seine eigene Propaganda glaubt, aber die Mächtigen haben genauso Angst wie der Rest der Welt, weil sie nicht wissen, was danach kommt, was nach dem Zusammenbruch folgt. Im Moment ist die Welt der Trennung noch die dominantere, aber überall sprießen die Projekte des Wandels, sei es in der Landwirtschaft durch Permakultur, der Medizin durch ganzheitliche Ansätze, der Kultur des Zusammenlebens durch Ökodörfer usw.

Was sich verändert, ist die Antwort der Menschheit auf die sinnstiftenden Fragen »Wer bin ich?«, »Was ist ein Mensch?«, »Was ist wichtig?«. Jede Zivilisation gründet sich auf einen Mythos, einen gemeinsamen Wertekatalog, der meist unbewusst ist. Die Antwort auf die Frage „Wer bist du?“ lautete bisher: »Ein abgetrenntes Individuum, das neben anderen abgetrennten Individuen lebt in einem Universum, dass von den Menschen abgetrennt ist. Du bist ein isoliertes Bewusstsein in einem Fleischroboter.«

Wir wissen von den neuesten Experimenten in der Physik, in der Biologie, der Medizin und der Gehirnforschung, dass das nicht mehr stimmt, dass wir nicht voneinander getrennte Wesen sind. Wir sind in einer neuen Geschichte des Verbundenseins. Hattet ihr schon mal das Gefühl, dass ihr ein andere Wesen anblickt und plötzlich wird euch bewusst: »Das ist das gleiche Wesen, was mir entgegen blickt, nur durch andere Augen?« Das Leben ist kein Konkurrenzkampf um Leben und Tod, sondern Kooperation und Symbiose und Teilen des genetischen Materials: In der Ökologie werden alle Spezies schwächer, wenn eine Spezies ausstirbt. Das ist etwas, was wir in unserem Herzen immer gewusst haben. Aber unser Verstand, der die Logik der Trennung vertritt, hat immer versucht, uns was anderes einzureden.

Die neue Geschichte

Jetzt sind wir auf dem Übergang zu einer neuen Geschichte, in der Herz und Verstand nicht mehr in einem Konflikt miteinander sind. Jetzt darfst du zeigen, dass es dir weh tut, wenn du tote Vögel am Strand findest, die sterben mussten, weil irgendwo Öl ausgelaufen ist. Jetzt darfst du Mitgefühl zeigen oder wütend werden, wenn du mitbekommst, dass irgendwo ein Wald gerodet wird, weil irgendein Großgrundbesitzer Monokulturen anpflanzen will. Jetzt darfst du Entscheidungen treffen, die auf deinem Bauchgefühl basieren und nicht auf einer Kosten/Nutzen-Rechnung basieren.

Es gibt zwei Dinge, die den Übergang in die neue Welt vorantreiben. Das eine ist etwas, was drückt, und das andere ist etwas, was zieht. Was zieht ist das, was wir immer wollten, und was drückt ist, das die alte Welt der Trennung auseinander fällt. Selbst wenn du immer fester an der alten Welt fest hälst: Du kannst dort nicht bleiben. Wo immer uns der Mut fehlt, etwas bewusst zu tun, werden wir es unbewusst tun. Wenn du zum Beispiel einen Job hast, der in Konflikt steht mit dem, was dein Herz weiss, und du hast nicht den Mut zu kündigen, dann wirst du womöglich gekündigt.

Ein wichtiger Moment im Übergang in die neue Geschichte ist das Selbstvertrauen. Unser tiefster Wunsch ist, etwas zu geben an etwas, was größer ist als wir selbst. Wir haben soviel empfangen, dass wir dankbar sind und geben wollen. Wir haben Geburt, Sonne, Wasser, Nahrung und Erziehung empfangen, ohne es verdienen zu müssen. Alles Schöne passiert ohne Geld, alles Schlechte passiert mit Geld: Die Geldwirtschaft ist eine Geschichte der Trennung, sie funktioniert nicht. Früher haben wir daran geglaubt, dass wir die Natur beherrschen und den Tod überwinden können. Heute glauben die meisten Menschen nicht mehr an eine glorreiche Zukunft ohne Krankheit und ohne Arbeit. Wir haben Aids immer noch nicht besiegt, und wir müssen die Illusion fallenlassen, dass wir die Krankheiten und den Tod besiegen können, stattdessen brauchen wir eine neue Art von Liebesbeziehung zur Natur.

Die zweite Chance

Diese Liebesbeziehung begann in den 60er Jahren, auf dem Höhepunkt der Trennung, als Astronauten vom Mond aus ein Foto von unserem blauen Planeten schossen. Bis dahin wollten wir alle Helden der Technik sein und die Natur beherrschen. Danach begann eine Umweltbewegung aktiv zu werden, es gab Woodstock, die Friedensbewegung und die Hippie-Bewegung. Leider haben wir diese Chance damals verpasst. Aber jetzt haben wir eine zweite Chance. Wir wollen geben und nicht nehmen. Wir wellen die Erde heilen. Wir spüren den Konflikt zwischen unseren Wünschen und unseren Institutionen. Wir verdienen immer noch mehr Geld mit Häuserbau als mit dem Aufbau von ökologischen Systemen, aber wir wollen auch in Partnerschaft mit der Welt leben. Deshalb ist es gut, wenn das alte System der Trennung auseinander fällt. Wir können uns unterstützen beim Übergang in die neue Geschichte, wir können spüren, das wir verbunden sind mit der Natur. Wir können auf unsere Herzen hören.

In der Logik der Trennung bin ich machtlos, jedes Handeln aus der Trennung wird noch mehr Trennung erzeugen. In der Logik der Verbundenheit sind wir machtvoll, da kannst du fühlen, da beginnt alles, was du tust, eine Bedeutung zu bekommen. Da weiss dein Herz, das es ein bedeutungsvoller Akt des Gebens ist, wenn du einen alten Menschen beim Sterben begleitest und er sich in deinem Beisein mit der Welt und den Menschen versöhnt, auch wenn es nicht zur Steigerung des Bruttosozialprodukts beiträgt. Beginnen wir, uns selbst wieder als Menschen zu vertrauen, die gemeinsam etwas zu geben haben, um die Welt schöner zu machen.

Wir können lernen, uns Schritt für Schritt aus der Geldwirtschaft zurückzuziehen. Alles, was du lernst, kostenlos für dich selbst oder andere zu tun, jede Nutzung von recycelten oder ausrangierten Materialien, alles, was du selbst machst, statt zu kaufen, verschenkst, statt zu verkaufen, jede neue Fertigkeit, jedes neue Lied, jede neue Kunst, die du dir selbst oder anderen beibringst, verkleinert den Machtbereich des Geldes und lasst eine Schenkökonomie entstehen, die uns während des kommenden Übergangs versorgen wird.

Der Amerikaner Charles Eisenstein (geb. 1967) gilt als Pionier des gesellschaftlichen Wandels und als Vordenker der Occupy-Bewegung. Er integriert Ökonomie, Ökologie, Politik, Psychologie, Spiritualität und andere Wissensgebiete zu einem großen Ganzen. Sein Grundlagen-Buch »Renaissance der Menschheit« kann kostenlos gelesen werden unter http://www.kanope.de. Homepage: http://charleseisenstein.net/

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

One Response to Schenkökonomie

  1. Vans says:

    Um ehrlich zu sein, hat der Kapitalismus die Menschheit weit gebracht. Er hat ein exponentielles Wachstum erzwungen und dem haben wir zu verdanken, dass wir nun so viele Güter und Dienstleistungen haben. Irgendwann ist dieses Wachstum aber nicht mehr gesund und man braucht eine neue Strategie. Meiner Meinung nach ist Schenkökonomie eine der Alternativen Strategien, die wir wählen können. Vor kurzem bin ich auf folgende Seite gestoßen: http://www.lendser.com
    Sie scheint ein Versuch zu sein, eine Online-Schenkökonomie zu gründen.

    LG
    Vans

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