Interview mit Stefanie Stahl über das Selbstwertgefühl

»Ich bin, was ich bin und das ist alles, was ich bin!«

Stefanie Stahl

Stefanie Stahl

Das Selbstwertgefühl eines Menschen bestimmt im Wesentlichen darüber, wie er sich und seine Mitmenschen wahrnimmt. Die Psychotherapeutin und Buchautorin Stefanie Stahl (»Leben kann auch einfach sein«) erklärt in einem Interview mit  Oliver Bartsch anschaulich und konkret, wie man aus den Fallen falscher Selbstwertkonzepte herauskommt und dauerhaft zu einem starken Selbst finden kann.

Sie bezeichnen das Selbstwertgefühl als das Epizentrum der Psyche. Warum ist ein gutes Selbstwertgefühl so wichtig?

Das Selbstwertgefühl eines Menschen bestimmt wesentlich darüber, wie er sich und seine Mitmenschen wahrnimmt. Die Wahrnehmung wiederum bestimmt wesentlich unser Denken und Fühlen und mithin unser Handeln. So neigen Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl beispielsweise dazu, sich als Opfer wahrzunehmen. Sie fühlen sich schnell von einem scheinbar stärkeren Gegenüber dominiert. Dies führt sie entweder in eine defensive oder aggressive Haltung. Menschen mit einem stabilen Selbstwertgefühl nehmen sich und andere hingegen häufig auf Augenhöhe wahr. Sie fühlen sich nicht so schnell gekränkt und bedroht und agieren entsprechend gelassener. Nicht nur unser persönliches Lebensgefühl und unser Lebenserfolg, sondern auch unser Handeln in der Gemeinschaft wird stark von unserem empfundenen Selbstwert bestimmt.

Ist das mangelnde Selbstwertgefühl die Wurzel aller psychischen Probleme und Erkrankungen? Ist das mangelnde Selbstwertgefühl die Ursache allen Elends auf diesem Planeten?

Das Selbstwertgefühl ist bis auf wenige Ausnahmen die Ursache für psychische Probleme und Erkrankungen. Es wäre zwar übertrieben zu sagen, es sei die Ursache »allen Elends auf diesem Planeten«, aber diese Aussage ist auch nicht völlig abwegig. Ursache vieler Probleme auf unserem Planeten ist nämlich ein Mangel an menschlicher Reflexion und Weisheit. Die Reflexionsfähigkeit und folglich auch die Weisheit eines Menschen sind wiederum mit dem Selbstwertgefühl verbunden. Dabei ist es meiner Meinung nach nicht schlimm, ein labiles Selbstwertgefühl zu haben. Problematisch sind häufig nur die Strategien, die ein Mensch wählt, um sein niedriges Selbstwertgefühl zu kompensieren. So sind übertriebenes Geltungsstreben, Machthunger und Geldgier häufig ungesunde Kompensationsstrategien, um sein labiles Selbst aufzurichten, womit wir dann wieder bei dem Elend auf unserem Planeten angekommen wären.

Stefanie Stahl:  Leben kann auch einfach sein

Stefanie Stahl

Was genau ist ein mangelndes Selbstwertgefühl und wie wirkt sich das konkret im Alltag aus?

Ein mangelndes Selbstwertgefühl hat im Alltag viele Auswirkungen, wobei längst nicht allen Betroffenen bewusst ist, dass sich hinter ihren Problemen ein niedriger Selbstwert verbirgt. Menschen, die sich ihrer Unsicherheit bewusst sind, leiden unter ihrer hohen Kränkbarkeit, ihrer Angst Fehler zu machen, ihrem geringen Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten, um nur wenige Auswirkungen zu nennen. Hierdurch bleiben sie häufig unter ihren Möglichkeiten oder sie arbeiten sich halb tot und verausgaben sich in falschen Pflichten, um bloß alles richtig zu machen. Das Leitmotiv von vielen Selbstunsicheren ist: Fehler vermeiden! Diese defensive Taktik behindert oft ein mutiges und freies Zuschreiten auf Aufgaben und Mitmenschen.

Was vielen häufig nicht so bewusst ist, ist, welche Probleme sie sich und anderen durch ihre defensive Kommunikation zufügen. Aus Selbstschutz sprechen sie nicht offen, ihre Standpunkte sind nicht leicht zu orten. Hierdurch können viele Missverständnisse und/oder verdeckte Aggressionen entstehen. Das Hauptproblem ist die häufig verzerrte Realitätswahrnehmung von selbstunsicheren Menschen, die sie anfällig dafür macht, ihr Gegenüber als nicht vertrauenswürdig und als potenziell feindselig einzuschätzen. Zudem überschätzen sie ihre eigenen Schwächen und unterschätzen ihre Stärken. Dies alles macht den Lebensvollzug so viel anstrengender als es nötig wäre. Deswegen auch der Titel meines Buches: Leben kann auch einfach sein!

Opferdenken, Schadenfreude und Unaufrichtigkeit seien die Folgen eines mangelnden Selbstwertgefühls. Das hört sich für Betroffene wie ein Schlag ins Gesicht an.

Wenn man das so den Lesern und Leserinnen vor den Kopf haute, ja. Ich habe mich bemüht, meine Leser sehr freundlich an die Hand zu nehmen und sie auch auf jene problematischen Verhaltensweisen, neben all dem subjektiven Leiden, aufmerksam zu machen, die ein geringes Selbstwertgefühl nach sich ziehen kann. Wie Sie bereits bei Ihrer Frage mit dem »Elend auf unserem Planeten« angespielt haben, ist das Problem ja von zwei Seiten zu betrachten: 1. Welche Folgen hat mein labiles Selbst für mich selbst? Und 2. Wie wirkt sich dies auf mein Miteinander in der Gesellschaft aus? Ich lege in meinem Buch dar, dass man sich nur weiter entwickeln kann, wenn man bereit ist, sich auch mit seinen Schattenseiten zu konfrontieren. Dabei nehmen diese ja nur einen kleineren Teil des Buches ein, im Wesentlichen geht es ja darum, die Leser und Leserinnen in ihren Stärken zu ermutigen und sich so anzunehmen, wie sie sind. »Ich bin, was ich bin und das ist alles, was ich bin!«, so lautet ja schon das Eingangszitat von Popeye und das ist auch ein roter Faden in meinem Buch.

Gibt es konkurrierende Theorien darüber, wie das Selbstwertgefühl entsteht, oder ist sich die Wissenschaft darüber einig? Was ist Ihre Theorie?

Die Wissenschaft ist sich einig, dass das Selbstwertgefühl auf zwei Einflüsse zurückzuführen ist: 1. Genetische Veranlagung. Kinder kommen mit unterschiedlichen charakterlichen Veranlagungen auf die Welt. So neigen sie, anlagebedingt, zu mehr oder weniger Angstgefühlen und einer unterschiedlichen Widerstandskraft.

2. Elterliche und umweltbedingte Erziehungseinflüsse. Hier spielt die Eltern-Kind-Bindung eine tragende Rolle. Kinder, die eine sichere Eltern-Kind-Bindung erwerben, zeichnen sich im Unterschied zu Kindern, die eine unsichere Bindung zu ihren Eltern haben, zumeist durch ein gutes Selbstwertgefühl aus. Aber nicht nur der Bindungsstil, der sich normalerweise in den ersten zwei Lebensjahren entwickelt, sondern auch die weitere Erziehung der Eltern beeinflusst das Selbstwertgefühl eines Kindes. Gut tut Kindern, wenn die Eltern ihnen grundsätzlich vermitteln, dass sie geliebt und willkommen sind mit ihren Stärken und Schwächen. Hierdurch lernt das Kind, dass es sich nicht für die elterliche Liebe verbiegen muss. Was natürlich nicht bedeutet, dass es auch lernen muss, sich an gewisse Regeln anzupassen.

In ihrem Buch gehen Sie auf eine besondere Spezies ein: Narzissten leiden nicht an einem mangelnden, sondern an einem übersteigerten Selbstwertgefühl. Können Sie das erklären?

Ich muss Sie da etwas korrigieren, weil ich nicht schreibe, dass Narzissten unter einem übersteigerten Selbstwertgefühl leiden. Ein übersteigertes Selbstwertgefühl gibt es meines Erachtens nicht, sondern nur eine übersteigerte Kompensation eines an sich geringen Selbstwertes. Das Problem bei Narzissten ist, dass sie ihr eigentlich sehr labiles Selbstwertgefühl durch Größenfantasien und Perfektionsstreben aus ihrem Bewusstsein verdrängen. Sie legen sich unbewusst sozusagen ein »Größenselbst« zu, das den Job hat ihr »Kleinselbst« zu unterdrücken. Narzissten müssen sich innerlich ständig beweisen, dass sie anderen Menschen überlegen sind, denn nur dann fühlen sie sich sicher. Hierfür neigen viele von ihnen dazu, andere Menschen und deren Leistungen abzuwerten, was den Umgang mit ihnen häufig so schwierig macht.

Ihr Zauberwort für eine Stärkung des Selbstwertgefühls heißt »Selbstannahme«. Was heißt das und warum ist Selbstannahme so wichtig?

Die Selbstannahme ist ja der eigentliche Kern des Selbstwertgefühls. Entweder mag ich mich und bin mein eigener Freund, oder ich lehne mich – zumindest partiell – ab und kämpfe gegen mein Selbst. Der Unterschied zwischen Menschen mit einem niedrigen und einem gesunden Selbstwertgefühl ist der, dass sich Letztere mit ihren Schwächen akzeptieren. Sie finden ihre Schwächen zwar nicht toll und bemühen sich auch um Verbesserung, aber sie empfinden ihre Schwächen nicht als so beschämend und herabwürdigend, dass sie zur Selbstablehnung führten. In meinem Buch bin ich folglich bemüht, den Lesern und Leserinnen zu vermitteln, sich mit ihren Schwächen und ihren Stärken anzunehmen. Wobei ich, wie ich es im Buch auch darlege, häufig feststelle, dass Selbstwertgeschädigte an der falschen Front kämpfen. So bezichtigen sie sich Schwächen, die von außen kaum erkennbar und/oder wenig dramatisch sind, aber jene Schwächen, die tatsächlich einer näheren Betrachtung wert wären, schieben sie eher an den Rand ihres Bewusstseins. Hierunter zähle ich die Neigung von vielen (nicht allen!) Selbstunsicheren, nicht offen zu kommunizieren und ihre Neigung nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit ihren Mitmenschen recht streng ins Gericht zu gehen. »Wer sich selbst nicht liebt, hat nicht viel zu verschenken« mit diesen Worten von Elisabeth Lukas könnte man das Problem auch auf den Punkt bringen.

Mit einem geringen Selbstwert verbindet man ja oft eher schüchterne Menschen, Sie schreiben jedoch auch von den Zicken, können Sie dies näher erklären?

Die von mir so benannten Zicken sind jene, die ihren labilen Selbstwert durch eine gewisse Angriffslust verteidigen. Dabei gebrauche in den eher weiblich belegten Begriff für beide Geschlechter, weil es auch genügend männliche Zicken gibt. Die Selbstunsicheren von der Harmoniefraktion gehen hingegen Konflikten lieber aus dem Weg und sind beflissen, nirgendwo anzuecken. Die Zicken unterscheiden sich von den Harmoniesüchtigen dadurch, dass sie sich die Verteidigung ihrer persönlichen Grenzen auf die Fahne geschrieben haben. Hierbei schießen sie jedoch leider häufig mit Kanonen auf Spatzen. Bei nicht wenigen ist ihre Verteidigungsstrategie so tief eingespurt, dass sie selbst gar nicht wahrnehmen, dass sie eigentlich unter einem geringen Selbstwertgefühl leiden. Die Zicken wirken auch auf ihre Umwelt häufig nicht verunsichert, sondern eher stark bis hin zu aggressiv. Dabei fällt es ihnen schwer, über ihren tatsächlichen Gefühle und Sorgen offen zu sprechen, häufig gehen sie bei vergleichsweise geringen Anlässen und auf Nebenschauplätzen in die Luft.

Welche Strategien helfen sofort, das Selbstwertgefühl zu steigern, und welche Maßnahmen helfen eher langfristig?

Ich würde nicht zwischen kurzfristigen und langfristigen Strategien unterscheiden, weil dies alles ein Prozess ist. Das Wichtigste ist, dass die Betroffenen sich ihres Problems in all seinen Auswirkungen auf ihre Lebensgestaltung und Kommunikation bewusst werden. Zwar wissen viele Betroffene, dass es um ihren Selbstwert nicht so gut bestellt ist, aber sie haben nur eine diffuse Vorstellung davon, was das für ihr Denken, Fühlen und Verhalten auf einer ganz konkreten Ebene bedeutet. Von daher agieren sie in vielen Bereichen unbewusst und können sich somit auch nicht bewusst anderes entscheiden. Die Reflexion der eigenen Verhaltensmuster ist meines Erachtens schon die Hälfte der Miete. In der Psychotherapie – und so auch in meinen Büchern – geht es darum, sich seiner psychischen Programmierung bewusst zu werden, hierzu einen inneren Abstand einzulegen, und bewusst andere Gedanken und Verhaltensweisen zu installieren, was dann wiederum zu veränderten Gefühlen und somit auch zu einem stärkeren Selbstwertgefühl führt.

Es gibt unzählige Ratgeberbücher, die bei den Lesern nur ein schlechtes Gewissen erzeugen, weil sie es offensichtlich immer noch nicht geschafft haben, ihr Problem zu lösen. Sie haben jetzt ihr drittes Ratgeberbuch geschrieben. Sind Sie davon überzeugt, dass ihr Buch Menschen dabei hilft, ihr Leben wirklich zu ändern? Danach müssten ja alle anderen Ratgeberbücher überflüssig sein….

Das finde ich eigentlich auch. Aber im Ernst: Ich bekomme sehr viele Rückmeldungen von Lesern und Leserinnen, die sich bei mir bedanken, weil ihnen eines meiner Bücher: »Endlich klar gemacht hat, was eigentlich mein Problem ist!« Ein guter Ratgeber kann viel dazu beitragen, bei den Lesern Aha-Effekte und Selbsterkenntnisse zu erzeugen, vor allem dann, wenn auch noch umsetzbare Strategien angeboten werden, an seinem Problem etwas zu verändern. Wie ich oben ausgeführt habe, ist die Selbsterkenntnis die Grundlage jeder Veränderung. Allein diese löst bei vielen Betroffenen schon eine große Erleichterung aus, auch wenn es manchmal ein bisschen weh tut. Nun sagen ja viele Menschen: »Mein Problem ist mir klar – aber ich kann es trotzdem nicht verändern!« Diesen sei jedoch gesagt, dass das Problem häufig nur scheinbar klar ist, irgendein Anteil ist da noch nicht wirklich verstanden. Wird jedoch auch dieser aus den Tiefen des Unterbewusstseins ans Tageslicht geborgen, dann fällt die Veränderung meistens gar nicht so schwer.

Bücher:

  • Stefanie Stahl/Melanie Alt: So bin ich eben! Erkenne dich selbst und andere, 200 Seiten, Verlag: Ellert & Richter; Auflage: 5. Aufl. (1. März 2005)
  • Stefanie Stahl: Jein!: Bindungsängste erkennen und bewältigen. Hilfe für Betroffene und deren Partner, 272 Seiten, Verlag: Ellert & Richter Verlag; Auflage: 3. (15. September 2008)
  • Stefanie Stahl: Leben kann auch einfach sein, So stärken Sie ihr Selbstwertgefühl, 272 Seiten, Verlag Ellert & Richter
    1. Auflage, 22. September 2011
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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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