Ich werde sowieso verlassen, und dann sterbe ich

Mein Prozess der Selbstwerdung

Beschreibung

Foto: Tiziana Sforza; Skulptur: Javier Marin, Mex

Ich bin süchtig nach Beziehungen, Tiefe und Nähe und meide sie doch. Ich werde von den Frauen verlassen, und ich verlasse sie. Meine Sehnsucht ist tief und unstillbar. Also irgendwie so ähnlich wie bei dir und bei mir. Eigentlich ganz normal

»Wer bin ich?«, diese Frage habe ich mir mein ganzes Leben gestellt und weiß immer noch keine befriedigende Antwort. Vielleicht auch, weil ich mich mit jeder Selbstbeschreibung neu erfinde. Vielleicht auch, weil ich mich immer über Beziehungen definiert habe und deshalb kein befriedigendes Selbstwertgefühl aufbauen konnte. Heute bezeichne ich mich als Beziehungsphobiker mit berechtigten Aussichten auf Heilung.

Beziehungsphobie

Ich bin ein Beziehungsphobiker, ein Beziehungsängstlicher, denn ich habe immer Angst in Beziehungen, und zwar die existenzielle Angst »Ich werde sowieso verlassen, und dann sterbe ich.« Die Abwehrmechanismen auf existenzielle Angst sind Flucht, Angriff oder der Totstell-Reflex, und ich habe alle Mechanismen drauf. Ich war der Jäger (Ich will dich unbedingt – solange ich dich noch nicht habe), der Prinz (Keine ist gut genug für mich) und der Maurer (Ich bestimme über Nähe und Distanz zwischen uns). Die existenzielle Verlassensangst habe ich mindestens drei Mal erfahren. Das erste Mal war es unbewusst (Annäherungen daran waren mir in einer Schreibtherapie möglich), als mich meine Mutter für ein halbes Jahr verlassen hat. Das zweite Mal dann bei meiner ersten Freundin, und dann bei meiner zweiten Freundin. Alle Frauen habe ich bedingungslos geliebt und war von ihnen emotional abhängig. Spätestens nach der dritten Trennung war ich nicht mehr fähig, echte und tiefe Beziehungen zu führen, wo ich mich fallen lassen konnte im Vertrauen darauf, dass meine Qualitäten als Mensch völlig ausreichen, um geliebt zu werden und zu lieben.

Nähe und Distanz

Ich konnte keine Nähe mehr zulassen, das spürte ich auch körperlich durch eine permanente Anspannung, die sich erst in Entspannung verwandelte, wenn die Nähe einer räumlichen und emotionalen Distanz wich. Schließlich habe ich es ganz aufgegeben, eine Beziehung in klassischer Form zu führen und habe mich in den Zauber der immerwährenden Verliebtheit geflüchtet. Bis heute habe ich es vermieden, mit einer Frau in einer gemeinsamen Wohnung Tisch und Bett zu teilen.

Schon bei meiner Geburt wollte ich lieber sterben als leben, ich kam mit drei Tagen Verspätung mit der Nabelschnur um den Hals zur Welt und bekam so früh das Gefühl, dass ich keine Luft mehr bekomme, wenn es eng wird. Meine Kindheit verbrachte ich mit asthmatischen Anfällen und dem Gefühl, dass niemand für mich da ist, wenn ich Trost und Streicheleinheiten brauche. Mein Vater stand als männliches Vorbild selten zur Verfügung, da er es vorzog, sein Geld weit weg von zu Hause als Kapitän zur See zu verdienen, und meine Mutter folgte ihm oft genug nach, mit der Folge, dass ein Gefühl von existenzieller Verlassenheit sich meiner bemächtigte.

Aufmerksamkeit durch Krankheit

Da niemand sich für meine Gefühle zu interessieren schien, ich aber jede Menge davon hatte, noch dazu in in hochsensibler Form, verlegte ich mich auf Krankheiten, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich entwickelte Allergien gegen Hausstaubmilben (Das war sehr praktisch, denn die kamen überall vor), Tierhaare und Blütenpollen und starb ein paar Beinahe-Tode, indem ich mich zum Beispiel in Scheunen aufhielt, wo gerade die Heuernte eingefahren wurde, jedes Mal wurde ich in letzter Sekunde gerettet.

Da ich von allem befreit wurde, was mit Schmutz, Dreck und Herausforderungen zu tun hatte, entwickelte ich ein gewisses narzisstisches Paschatum und ließ mich gern von vorn bis hinten bedienen. Das stärkte nicht gerade meine Konfliktbereitschaft und Beziehungsfähigkeit. So bekam ich bald Angst vor jeder Veränderung, und die sozialen Kontakte schränkte ich auf das Notwendigste ein. Ich vergrub mich in meine Bücher- und Schallplattensammlung, spielte tagelang allein mit meinen Cowboys und Soldaten und lernte so, das ich niemanden brauchte, um glücklich zu sein.

Geduldiger Frauenversteher

Mit 14 Jahren, nachdem wir berufsbedingt mal wieder umgezogen waren, mein Vater wurde Lotse, machte ich das erste Mal Bekanntschaft mit Mädchen. Ich spielte wie ein besessener nach der Schule Tennis, lernte ganze Bücher für Klausen auswendig und fuhr am Wochenende regelmäßig auf Scheunenfeten, wo ich unbedingt Frauen anbaggern wollte, mich aber im Vorfeld schon so mit Alkohol abfüllte, dass kein Kontakt mehr zustande kommen konnte. Ich war voller Ängste und Hemmungen und überlegte mir schon Stunden vorher, wie ich ein bestimmtes Mädchen, dass ich toll fand, ansprechen würde, war dann aber so blockiert, dass ich mich nicht einmal in die Nähe meines begehrtes Objekts wagte.

Umso erstaunter war ich, dass sich doch ein Mädchen für mich interessierte, und dazu noch die Dorfschönheit, die zwar im Ruf stand, etwas seltsam und unnahbar zu sein, mir aber einen Krankenbesuch abstattete, als ich mich von einem Asthmaanfall erholte. Schnell erkannten wir, dass wir beide Außenseiter waren und uns so gegenseitig Halt geben konnten. Auch schien sie sexuell frigide zu sein, zumindest habe ich es in den drei Jahren, wo wir zusammen waren, nicht geschafft, sie zu entjungfern. Meiner ersten Liebe habe ich es zu verdanken, dass ich ein Geduldsweltmeister und Frauenversteher wurde, auch wenn ich es nicht verstanden habe, dass sie nach der Trennung mit dem erstbesten Kerl ins Bett hüpfte.

Symbiose und Hörigkeit

Meine Bindungsängste wurden noch dadurch gestärkt, dass meine Eltern sich, als ich 20 war, scheiden ließen und ich es an der Schule und der Uni zunehmend mit tendenziell lesbischen Kampfemanzen zu tun bekam, die mit den traditionellen Beziehungen nichts am Hut hatten. Auch hier war das Schicksal wieder gnädig: Ein bildhübsches, kommunikationsfreudiges Mädel setzte sich in der Lesung »Die Dramatheorie Lessings« neben mich und erzählte mir zwei Stunden klang von einem Heinz-Rudolf-Kunze-Konzert, dass sie live mitgeschnitten hatte. Als sie mir anbot, das Konzert live bei ihr zu Hause zu hören, war es um mich geschehen. Schnell sägte sie ihren Freund ab, der gerade zur See fuhr und vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. Das mir das Gleiche blühen würde, habe ich damals nicht zu denken gewagt. Nach drei glücklichen Jahren, in denen ich ihr hörig wurde und ohne sie nichts mehr unternehmen konnte, teilte sie mir mit, dass sie die Aussichtslosigkeit, dass ich jemals einen Beruf finden würde, der eine Familie ernähren kann, nicht mehr aushalte, und deshalb Schluss mache.

Neubeginn

Ich fiel aus allen Wolken, flehte sie Tag und Nacht an, mir noch mal eine Chance zu geben und verfiel schließlich in tiefe Depression (ohne das mir das damals bewusst war), als ich herausfand, dass sie mich schon seit einem Jahr mit verschiedenen Männern betrogen hatte. Ich beschloss, in einer neuen Stadt ein neues Leben anzufangen und begann eine Lehre als Verlagskaufmann. Ich schwor mir, dass ich nie wieder eine Frau so nah an mich ranlassen würde, dass sie mir weh tun konnte. Die Ausbildungszeit war eine schöne Zeit mit vielen freundschaftlichen sozialen Kontakten, die bis zum heutigen Tag andauern. Nur mit Mädels lief nichts, oder nur Unverbindliches, denn ich ließ keine Nähe zu. Nach sieben Jahren Single-Zeit hatte ich die Nase voll von der Einsamkeit und ging auf das Angebot einer Freundin eines Freundes ein, mit mir die Kieler Woche zu besuchen. Sie hatte ein Auge auf mich geworfen, wir flirteten heftig und landeten gleich in der ersten Nacht im Bett. Mir gefiel ihre direkte, unkomplizierte Art, und so begann eine Beziehung, in die ich mich mehr passiv fallen ließ als dass ich sie aktiv mitgestaltete. Ihr dreijähriger Sohn sagte bald Papa zu mir, und das war mir mehr wert als unsere zunehmenden Differenzen.

Abhängigkeit

»Alle Frauen habe ich bedingungslos geliebt und war von ihnen emotional abhängig«

Meine Freundin spürte, dass ich mich nie ganz auf sie einlassen konnte, zumal ich immer seltener pünktlich nach Hause kam, öfter mit Freuden in der Kneipe versackte und mich nicht an Verabredungen hielt. Ich wechselte den Arbeitsplatz, wo noch mehr Arbeit auf mich wartete. Bald vermutete sie Fremdgehen und wurde zusehends misstrauischer und eifersüchtiger. Trotz meiner Beteuerungen, ihr treu zu sein (Was ich faktisch auch war, aber ich fühlte mich unfrei und eingeengt), steigerte sich ihr Misstrauen in eine Paranoia, und sie erfand Telefonanrufe von Frauen, mit denen ich angeblich eine Beziehung hinter ihrem Rücken hätte. Sie bekam eine hysterische Schwangerschaft und landete mit einer angerissenen Halsschlagader in einer Nervenklinik. Mein schlechtes Gewissen, dass meine Unfähigkeit zur Nähe sie in die Krankheit getrieben hatte, ließ mich ein gemeinsames Haus mieten und an eine gemeinsame Zukunft glauben.

Dann folgte 1999 mein zweiter Depressionsschub. Die Aussicht auf ein gemeinsames »Lebenslänglich« mit Vorgarten und festen Essenszeiten versetzte mich in Panik. Ich überwarf mich mit meinem Arbeitgeber, stimmte einem Vergleich vor dem Arbeitsgericht zu, und war mit einem Schlag meinen Job, das Haus und die Beziehung los. Ich hielt die permanenten Vorwürfe, ich würde mich nicht genug um sie kümmern, nicht mehr aus und machte Schluss. Auch jetzt war mir nicht bewusst, dass ich an Depressionen litt, wieder machte ich aber intuitiv das Richtige und änderte mein Leben. Ich stieg in die Werbeagentur meiner Stiefmutter als Texter ein, machte eine Ausbildung zum Multimediaentwickler und entdeckte die Welt des Internets, wo ich mich ziemlich schnell auf Content-Management-Systeme spezialisierte. Nach zwei Jahren hatte ich mich soweit erholt, dass ich wieder in den regulären Arbeitsmarkt wechselte, mit 40-Stunden-Woche, permanentem Zeit- und Leistungsdruck und dem Gefühl, meine Berufung noch nicht gefunden zu haben.

Sozial-Phobien

Meine zunehmenden Ängste behinderten mich nicht nur in der Suche nach einer Beziehung, sondern auch in sozialen Kontakten allgemein. Ich entwickelte soziale Phobien gegen jede Art der Kommunikation und vermied immer mehr gesellige Zusammenkünfte. Schließlich war es mir nicht mehr möglich, entspannt an einer Feier teilzunehmen, und ich entschloss mich zu einer Psychotherapie. Da Einzelsitzungen nichts brachten, schloss ich mich einer Selbsthilfegruppe an und trat einem spirituellen Freundeskreis bei, der meditierte und sich spirituellen Dingen widmete. Ich entdeckte schnell, dass viele Therapeuten und Künstler selbst Probleme mit Beziehungen hatten und darüber hinaus auch Anpassungsprobleme an gesellschaftliche Strukturen und fühlte mich in der gemeinsamen Außenseiterrolle wohl. Wir unternahmen schamanische Seelenwanderungen, Trancereisen und Klangschalenmeditationen, und ich entdeckte die unendliche Weite der Seele. Leider lösten sich meine Ängste dadurch nicht in Luft auf, in normaler Gesellschaft fühlte ich mich immer noch unwohl.

Helfersyndrom

Der nächste große Depressionsschub kündigte sich Ende 2008 an. Nach sieben Jahren als Lokalredakteur in einer Kleinstadt konnte ich keine Vereinssitzung mehr besuchen, ohne Schweißausbrüche zu bekommen und gegen meine Panikattacken anzukämpfen. Dazu kam der unglückliche Verlauf einer Beziehung mit einer Therapeutin, die ein Helfersyndrom hatte und mich privat therapieren wollte. Natürlich geriet ich wieder in eine Abhängigkeitsbeziehung und fiel wieder aus allen Träumen, als sie mit mir Schluss machte in genau dem Moment, wo bei mir die Heilung einsetzte. Eigentlich folgerichtig, denn jetzt war ja für sie die Grundlage der Partnerschaft entfallen. Ironie des Schicksals: Wir besuchten eine Paartherapie, und da sie zunehmend Angst vor meinen Wutausbrüchen bekam, hat sie mit mir vor versammelter Gemeinschaft von Paaren einer Selbsthilfegruppe Schluss gemacht.

Jetzt half auch keine Psychoanalyse mehr, ich brach mir ein Bein, meldete mich in einer psychosomatischen Klinik zur Kur an, kündigte meinen Job zum Jahresende, zog nach Bayern und begann bei der Connection AG als Onlineredakteur und Webmaster.

Die Reha

Die Mischung aus Hypnotherapie und systemischen Gruppenprozessen, Maltherapie und die Arbeit mit dem inneren Kind brachten mich zu der Erkenntnis, dass ich einen Vaterkonflikt hatte. Ich kam in Kontakt mit meinen Gefühlen der Wut und des Schmerzes und konnte dies auch in der Gruppe äußern. Die unterdrückten Gefühle begannen wieder zu fließen, ich söhnte mich mit meinem Vater aus und verliebte mich prompt wieder in eine Mitpatientin, die wegen Burnout behandelt wurde und eine starke Beziehungsängstlichkeit aufwies. Es stellte sich heraus, dass sie in ihrer Kindheit missbraucht worden war und ich ein Beziehungsmuster ausgebildet hatte, dass mich zu Frauen hinzog, die auf Grund von traumatischen Kindheitserfahrungen ähnliche Beziehungsängste hatten wie ich. Im Lauf des Jahres verliebte ich mich fünf Mal in solche Frauen, bei denen ich sicher gehen konnte, dass normale Beziehungen nicht möglich waren. Trauriger Höhepunkt der Beziehungsvermeidung war eine Phase der heftigen Verliebtheit in eine Borderlinerin, die mich nach 30tägigem intensivem Austausch von Gefühlen und Körperflüssigkeiten vor die Tür setzte mit der Bemerkung: »Ich kann keine Beziehung leben«.

Herzöffnung

Die Wende kam mit dem Herzöffnungsseminar von  Burkhardt Kiegeland. All meine Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit in einer auf Vertrauen basierenden Beziehung kamen dort hoch. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie sehr ich all die Jahre wirkliche Nähe vermieden hatte auf Kosten meiner seelischen Gesundheit. Ich hatte mich in die Arbeit geflüchtet, in die Symbiose, in die Hörigkeit, in die Dissoziation (geistige und körperliche Abwesenheit) und in Fantasiewelten, nur: Wirkliche Nähe konnte ich dadurch nicht herstellen. Jetzt brach mein Verteidigungsschild um mein Herz zusammen wie ein Kartenhaus, und durch meinen Schmerz hindurch flossen reine Liebe, reines Verbundensein und große Dankbarkeit, dass ich diesen kostbaren Moment erleben durfte. In dem Moment, wo ich meinen Schmerz in einer Gruppe von wertschätzenden Gleichgesinnten zulassen konnte, hatte ich keine Angst mehr zu zeigen, wer ich bin. Dies war ein sehr befreiender Augenblick.

Noch immer ist es mein größter Wunsch, mit einer Frau eine ehrliche, wahrhaftige, offene und vertrauensvolle Partnerschaft zu führen, in der ich Nähe und Hingabe genauso zulassen kann wie Distanz und Freiheit. Ein erster Schritt auf dem Weg dorthin ist die Verabredung mit einer Frau zum Co-Coaching. Zu einem festgelegten Termin treffen wir uns einmal die Woche am Telefon, um über ein bestimmtes Thema zu reden (In der Regel genügt eine Stunde), in meinem Fall die Beziehungsangst. Einzige Regel hierbei: Unterdrücke niemals deine Gefühle, die mit dem Thema hochkommen, sie sind wichtige Hinweise zu deiner momentanen seelischen Verfassung. Auch wenn sich viele Widerstände zu diesem Thema bei mir regen, es hat sich als lohnend erwiesen, ihnen auf den Grund zu gehen.

Kleine Fotos: photocase.com; flickr.com

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

One Response to Ich werde sowieso verlassen, und dann sterbe ich

  1. Ja Burkhard’s „Herzöffnung“ ist ’ne Wucht!

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