Empathie-Festival im ZEGG

Wahrnehmen, Denken und Fühlen

Im ZEGG

Foto: ZEGG

Im ZEGG (Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung), einer Lebensgemeinschaft in Bad Belzig, 80 km südwestlich von Berlin, fand Pfingsten unter dem Motto »Angstfrei l(i)eben« zum zweiten Mal ein Empathie-Festival statt. Die Veranstalter Tatjana Wolf, Teresa Heidegger, Marcus von Schmude und Andreas Duda konnten 350 Gäste auf dem Festivalgelände begrüßen und luden sie zu einer experimentellen Haltung sich selbst und dem Anderen gegenüber ein. Ich ließ mich darauf ein…

Nach einer achtstündigen Autofahrt komme ich müde und erschöpft abends auf dem ZEGG-Gelände an und möchte eigentlich ins Bett und schlafen. Ist aber nicht, denn jetzt heißt es erstmal dem Begrüßungsteam »Guten Abend« sagen, denn das hat extra auf Spätankömmlinge und Erstbesucher wie mich gewartet. Und so erklärt Thomas mir geduldig das Gelände und das Konzept, und dass es vor allem um »Entschleunigung« geht. Jetzt weiß ich zum Beispiel, wie ich zum Dachboden komme, wo außer mir noch rund 100 andere Frauen und Männer auf Matratzen übernachten, und dass ich mich noch für eine der 15 Intensivgruppen eintragen muss, damit ich nicht einer anonymen Masse gegenüber stehe, sondern im intimem Rahmen von 8 bis 15 Menschen den thematischen Bogen des Vormittags persönlicher weiterspinnen kann. Ich entscheide mich für den »Gemeinschaftsbildungsprozess nach Scott Peck«, auch deshalb, weil alle anderen Kurse schon belegt sind. Ich erfahre auch, dass die erste Sitzung schon seit einer halben Stunde läuft, und beschließe trotz schlechten Gewissens, dass ich die Gruppe sausen lasse und mir erstmal einen Überblick über das Gelände verschaffe.

Impulse spüren

Ich lande in der Dorfkneipe, die trotz der anlaufenden Gruppen gut besucht ist, bestelle mir ein Glas Wein (natürlich aus biologisch-ökologischem Anbau) und lasse Ort und Menschen auf mich wirken. Ich belausche ein Gespräch, wo es eine halbe Stunde lang im wesentlichen darum geht, ob es in Ordnung ist, dem anderen nicht die Hand zur Begrüßung zu reichen, obwohl man den Impuls dazu in sich spürt, aber auch die Abwehr des anderen, sich nicht darauf einlassen zu wollen. »Au weia, das kann ja heiter werden«, dachte im Stillen – ohne zu ahnen, dass es genau darum fünf Tage lang gehen wird: seine Impulse wahrzunehmen und auszudrücken.

Wer bist du? – die Diadenarbeit

Ich bemerke eine witzig-ironische Distanz zu dem Geschehen um mich herum, und dass ich diese Distanz brauche, um mich und die anderen nicht so nah an mich heranzulassen. Nachts schlafe ich überraschend gut, nur einmal weckt mich eine unfreundliche Stimme, die mir mitteilt, dass ich schnarche wie ein Sägewerk. Ich entscheide mich dafür, vor dem Frühstück eine »Diadenarbeit« mit Kiaou zu machen, obwohl ich keine Ahnung habe, was das ist, und beglückwünsche mich zu meinem Mut, mich auf Unbekanntes einzulassen.

Die Diadenarbeit besteht im Wesentlichen darin, sich gegenseitig zu fragen »Wer bist du?, Was bist du? Wer ist der/die Andere?« Sie ist von einem gewissen Charles Berner in den wilden 60er Jahren entwickelt worden und auch bekannt unter dem Begriff »Enlightenment Intensive«. Die Methode wurde unter anderem auch in Poona unter Osho angewandt und soll zu spontanen Erleuchtungserlebnissen führen. Nach der Stunde fühle ich mich tatsächlich entspannter, zentrierter und mehr bei mir selbst. Teilweise war ich sehr überrascht von meinen Antworten, die keinen Sinn ergaben, witzig waren oder verschlüsselte Botschaften enthielten. Obwohl ich als einziger fünf Tage lang durchgehalten habe, wurde die Diadenarbeit nie langweilig, im Gegenteil, sie belohnte mich mit vielen wachen und klaren Gedanken und berührenden Begegnungen.

Angstfrei lieben

Foto: ZEGG

Foto: ZEGG

Der Vormittag ist für die gemeinsame Zeit reserviert. Wir alle verbringen sie zusammen im Zirkuszelt, wo uns das Organisationsteam mit Vorträgen, Improvisationstheater, Gesang und Teamarbeit das Thema »Angstfrei lieben« näher bringen will. Am ersten Tag geht es um die soziale Schutzschicht, die Masken, die sozialen Rollen, mit denen wir so durchs Leben gehen. Ich bemerke an mir die Rolle des kritischen, distanzierten Beobachters, der das Treiben um ihn herum mit einer witzig-ironischen Brille betrachtet. Da ist es nur folgerichtig, dass ich mich keiner Teamarbeit zu zweit anschließe, weil das meine Rolle beeinträchtigen würde. Der Preis, den ich dafür zahle, ist, das ich nur dabei bin anstatt mittendrin.

Gemeinschaftsbildung

Nachmittags habe ich im »Gemeinschaftsbildungsprozess nach Scott Peck« meine erste dreistündige Rederunde. Der Begleiter erklärt uns, dass es keinen Inhalt und keine Struktur gibt, ja noch nicht mal ein Ziel, nur ein paar Empfehlungen, und dass die Gruppe sich selbst führen soll, das nennt sich »Group of all Leaders«. So etwas wie wahre Gemeinschaft entstehe erst dann, so der Begleiter, wenn die Gruppe durch die Phasen Pseudo, Chaos und Leere hindurchgegangen sei. Entsprechend zäh, schleppend und schweigsam verläuft der Gruppenprozess. Niemand geht ein Risiko ein (eine der Empfehlungen), und wir sind alle ziemlich gefrustet. Wie soll daraus eine wahre Gemeinschaft entstehen, wo Nähe, Offenheit und Verletzlichkeit herrscht? Aber wir sollten alle eines Besseren belehrt werden.

Du bist schuld!

Am zweiten Tag lernen wir die zweite Schicht kennen: den Schuldkomplex. Hier geht es um Bewertungen, Verurteilungen, Schuldzuweisungen wie »Du bist schuld, dass ich mich so schlecht fühle« oder »Ich bin ein schlechter, unfähiger Mensch«, etcetera. Es geht um Gefühle wie Hass, Neid, Eifersucht, Zorn, Wut, Ärger, Scham, Ekel. Wir lernen anhand eines vorgeführten Psychodramas, dass alle gewohnten Reaktionsmuster wie Beschwichtigung, Verteidigung und Gegenangriff nichts bringen und dass es darum geht zu erkennen, dass »Vorwürfe unerfüllte eigene Bedürfnisse sind«. Es wird uns der Unterschied zwischen einem unbewussten Reaktionsschema und einem bewussten Reaktionsschema erklärt: Beim unbewussten Reaktionsschema reagieren wir bei einem Auslöser mit Ärger und fragen uns »Was macht der andere falsch?« oder »Was mache ich falsch?«. Daraus folgen die Strategien wie Gegenangriff, Bestrafen, Beschuldigen, Beschwichtigen oder Zurückweisen. Beim bewussten Reaktionsschema haben wir wieder eine Ärger auslösende Situation, machen aber nach der Bewertung einen Stopp und fragen uns: Was ist mir wichtig?, Was fühle ich? Welches Bedürfnis möchte ich erfüllt haben? Ich rufe die Präsenz eines inneren Beobachters/Zeugen auf, der sich mit dem zarten Teil in mir verbindet, mit dem verletzten inneren Kind, der Berührbarkeit und der Verletzlichkeit und gebe diesem Teil in mir einen Raum, der immer größer wird, bis in mir neue Spielräume entstehen, die mir eine größere Freiheit geben, aus meinen alten Mustern aussteigen zu können.

Die Chaosphase

Analog zum Schuldkomplex erlebe ich im Gruppenprozess nach Scott Peck die Chaosphase. »Im Stadium des Chaos geht es vorrangig um den Versuch, die individuellen Differenzen auszulöschen. Das geschieht darüber, dass Gruppenmitglieder versuchen, einander zu bekehren, zu heilen, auszuschalten oder ansonsten für vereinfachte organisatorische Regeln einzutreten. Es ist ein ärgerlicher und irritierender, gedankenloser, maschinengewehrmäßiger und oft lärmender Prozess, bei dem es nur um Sieger und Verlierer geht und der zu nichts führt.« (aus Scott Peck, Eine neue Ethik für die Welt)

Es geht um die Empfehlung, dass die Gruppenmitglieder in den Pausen nicht über den Gruppenprozess reden sollen. Ich begehe bewusst eine Regelverletzung, indem ich in der Pause ein weibliches Gruppenmitglied anspreche und ihr Feedback auf eine Gefühlsäußerung von ihr in der Gruppe gebe. Sie antwortet mir. Das beobachtet ein weiteres Gruppenmitglied und meldet diesen Regelverstoß anschließend im Gruppenprozess. Eine fruchtlose Diskussion um Einhalten und Nichteinhalten von Regeln beginnt.

Herzensraum

Dann ist plötzlich Stille – und der erste wahre, aus dem Herzen kommende Impuls macht sich breit: Die Teilnehmerin, die ich in der Pause angesprochen habe, sagt, sie habe den Impuls, mich zu umarmen. Wir umarmen uns inmitten der Gruppe. Danach entsteht auch in den anderen Gruppenmitgliedern ein Herzensraum, wo Platz ist für Trauer, Freude und Kommunikation von Herz zu Herz. So schnell kann es also gehen mit dem Durchlaufen der Gruppenphasen und dem Vordringen zur »wahren Gemeinschaft«! »Die Veränderung ist deutlich zu spüren. Ein Geist des Friedens durchdrängt den ganzen Raum. Es herrscht mehr Schweigen, doch es wird Bedeutungsvolleres gesagt. Es ist wie Musik. Die Menschen arbeiten mit einem präzisen Zeitgefühl zusammen, so als seien sie ein fein eingestimmtes Orchester unter der Leitung eines unsichtbaren himmlischen Dirigenten. Viele spüren tatsächlich die Anwesenheit Gottes im Raum.« (Scott Peck in Eine neue Ethik für die Welt)

Der dritte Tag steht unter dem Motto was geschieht, wenn wir den Mut haben, zu fühlen anstatt zu verurteilen. Wir lauschen der Performance im Zirkuszelt und erfahren: »Die Charaktermaske dient der Manipulation der anderen Menschen. Ich trage sie, weil ich die Menschen dazu bringen will, mich zu mögen. Das ist ganz schön anstrengend. Angstfrei hingegen bedeutet, ich gehe in die Selbstverantwortung, gestehe mir ein, dass ich selbst die schlechten Gefühle produziere, dass ich niemandem mehr die Schuld geben kann, wenn es mir schlecht geht.«

Eifersucht

Die Erfahrung dazu mache ich live im Gemeinschaftsbildungsprozess. Ich möchte die intensive Erfahrung mit der weiblichen Teilnehmerin, die mich umarmt hat, exklusiv haben, erfahre aber, dass vor mir schon jemand aus der Gruppe intensive Erfahrungen mit ihr hatte, und das im Lauf des Gruppenprozesses mehrere männliche Teilnehmer sich zu ihr hingezogen fühlen. In mir brennt die Eifersucht. Ich gönne den anderen Männern diese Erfahrung nicht, ich mache mir nun sogar meine eigene schöne Erfahrung zunichte, in dem ich die weibliche Teilnehmerin abwerte und verurteile. Als ich bemerke, wie ich wieder in meine Verurteilungsmuster rutsche, schäme ich mich und wage es auch nicht, das in der Gruppe anzusprechen. Nach mehreren Tagen innerer Kämpfe nehme ich mir ein Herz, spreche die Frau an und sage ihr, dass ich sie seit Tagen umarmen möchte, sie aber immer mit einem anderen Mann gesehen hätte und mich dann nicht getraut habe. Wir umarmen uns lachend, und ich freue mich, dass ich doch noch den Mut fand, ins Gefühl zu gehen.

Zwei große Wunden in uns

Nun bekommen wir die dritte Schicht erklärt: die Schicht der Empfindsamkeit. Hier wohnt die Empathie, das verletzte innere Kind, die Liebe, die Lebendigkeit und nicht zuletzt die beiden großen Wunden unserer Zeit, die Vereinnahmungswunde (»Komm mir nicht zu nah«) und die Verlassenheitswunde (»Verlass mich nicht«). Oft haben die Menschen beide Wunden in sich. Die Partnerwahl richtet sich oft unbewusst danach, welche Wunde wir in dem anderen geliebten Wesen erspüren. Wie Magneten mit Plus- und Minuspol ziehen sich oft Partner an, die ihre Wunden miteinander heilen wollen, und die das gleiche Bewusstheitsniveau über ihre Wunde haben. Ist man sich seiner Verlust- bzw. Vereinnahmungsangst bewusst, kann daraus eine sehr heilsame Partnerschaftserfahrung werden. Es gilt aber, einen sehr achtsamen und wertschätzenden Umgang mit den Ängsten des Partners zu pflegen und eine liebende Geduld mit sich selbst und dem Partner zu entwickeln, falls man mal wieder in die Angstfalle fällt.

Unser Wesenskern

Am vierten Tag bekomme ich demonstriert, was passiert, wenn wir unser Herz ganz und gar öffnen, denn dann rutschen wir in die innere Schicht, in den Wesenskern des Menschen, unser »höheres Selbst«, das »Göttliche in uns« oder wie immer die Bezeichnung für eine transpersonale, spirituelle, nonduale Erfahrung sein mag. Man kann diese Erfahrung nicht willentlich herbeiführen, sondern durch die göttliche Gnade geschieht sie einfach. Ohne es zu bemerken, haben wir durch die tagelange Körper-, Energie und Bewusstseinsarbeit dafür gesorgt, dass wir alle in unserer Empfindsamkeits-Schicht gelandet sind und so zu einem großen gemeinsamen Empfindsamkeitsenergiefeld herangewachsen sind. Wir treffen uns vor der Bühne im großen Zelt in dem Bewusstsein, dass wir alle Teil der Veränderung sind, die die Welt zu etwas Schönerem und Menschlicherem machen will Kraft unserer Herzenergie.

Die Heilkraft der Gruppe

Ich habe an diesem Tag sehr berührende, vor Intensität fast nicht mehr aushaltbare Begegnungen mit »göttlichen Menschen«, mit denen ich Augen-, Hände- und Körperkontakt habe. Wir bilden einen großen Kreis innerhalb des Zeltes, fassen uns an den Hüften und Schultern und singen gemeinsam »Burning in your Grace«. Ich fühle mich verbunden mit mir, meinen Gefühlen, den Menschen links und rechts von mir, dem großen Kreis der Menschen und bin so voller Liebe mit allem verbunden, dass es mich durch und durch schüttelt.

Der fünfte Tag ist dazu da, unsere Visionen einer besseren Welt, wie wir sie in uns haben heranreifen lassen, hinaus in die kleine und große Welt zu tragen. Vivian Dittmar, Seminarleiterin und Mitinitiatorin von »Be the change«-Deutschland und Initiatorin des Höllbachhof-Projekts, stimmt uns mit einer Meditation auf unsere Vision ein. Diesmal bin ich mit dabei, lasse mich inspirieren und erzähle meinem Gegenüber meine Vision in seine Schreibfeder. Und wieder bin ich überrascht – meine Vision trägt die Überschrift: »Die Heilkraft der Gruppe«.

Advertisements

Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: