Interview mit Dr. Joachim Galuska über die psychosoziale Lage in Deutschland

»Der Tiefpunkt ist noch lange nicht erreicht«

Dr.  Joachim Galuska. Fotos: Heiligenfeld

Dr. Joachim Galuska. Fotos: Heiligenfeld

Dass die Heiligenfeld Kliniken seit ihrer Gründung vor 20 Jahren schier unaufhaltsam wachsen und mit über 600 Angestellten zu einem der größten privaten Arbeitgeber in der Region Bad Kissingen in Unterfranken gehört, liegt nicht nur am Behandlungskonzept und Management. Noch schneller als sich die Klinik entwickelt, breitet sich das aus, womit die Ärzte und Therapeuten dort zu tun haben. »Massenhafter Seeleninfarkt«, bringt es Dr. Joachim Galuska, ärztlicher Direktor der Klinikgruppe, auf den Punkt. Weil mittlerweile nahezu jeder Dritte in Deutschland innerhalb eines Jahres an einer diagnostizierbaren psychischen Störung leidet, startete er mit zwanzig Kollegen eine Kampagne, der sich inzwischen über 1600 Menschen angeschlossen haben.

Sie haben sich mit ihrem Aufruf »Zur psychosozialen Lage in Deutschland« an alle Mitglieder der Gesellschaft gewendet. Warum diese Breite?

Das haben wir ganz bewusst getan, weil wir glauben, dass nicht nur ein bestimmter gesellschaftlicher Sektor, wie beispielsweise die Politik, die Wirtschaft, die Schule oder die Familie allein für die psychosoziale Lage in Deutschland verantwortlich ist. In einer Gruppe von 21 leitenden Ärzten und Wissenschaftlern haben wir diese Problematik diskutiert und sind zu dem Entschluss gekommen, dass es sich um eine allgemeine und grundlegende Entwicklung der modernen Gesellschaft handelt, die bisher nicht angemessen erkannt wird. Das Ziel unseres Aufrufs ist es, eine Betroffenheit unter den Menschen zu erreichen und dadurch einen gesellschaftlichen Dialog über die psychosoziale Lage, ihre möglichen Ursachen und sinnvolle Handlungsansätze anzustoßen. Und mit unserem Engagement ist es wie mit allen Initiativen: Um etwas bewirken zu können, brauchen wir die Unterstützung der Bevölkerung. Denn all die Wünsche, die wir mit unserer Initiative verfolgen, nützen nichts, wenn sie niemand hört.

Die deutsche Wirtschaft lässt sich von Ihrem Krisengerede nicht beeindrucken. Überall werden volle Auftragsbücher vermeldet, und der Arbeitslosenstand ist auf dem niedrigsten seit 18 Jahren. Befindet sich der Patient Deutschland auf dem Weg zur Besserung?

Sie haben Recht. Die Botschaft »Die Krise ist zu Ende« ist in den vergangenen Tagen und Wochen in aller Munde. Es mag sein, dass wir die wirtschaftliche Rezession ganz gut überstanden haben, aber die Krise, die unsere Gesellschaft zurzeit durchlebt, ist viel tiefer. Sie ist viel mehr eine Bewusstseinskrise als nur eine Wirtschaftskrise. Was das bedeutet? Die Bewusstseinskrise, die wir in unserer Gesellschaft haben, bewirkt eine fehlgeleitete Werteorientierung an Gewinn und Profit. Die Auftragsbücher sind voll, der Arbeitslosenstand ist niedrig, der Export steigt an… Nur daran wird der Erfolg einer Nation gemessen. Die Bedeutung des Subjektiven, der inneren Werte und der Sinnverbundenheit wird dabei dramatisch unterschätzt. An einem Beispiel verdeutlicht könnte man sagen, dass ein Manager danach gemessen wird, wie viel Profit er macht. Dass aber sein Erfolg viel größer sein könnte, wenn er sich mit seiner Arbeit identifiziert und er das Gefühl hat, eine sinnvolle Arbeit zu leisten, wird übersehen. Schaffen wir es in den kommenden Jahren nicht aus dieser Bewusstseinskrise heraus, so wäre wahrscheinlich eine erneute Krise der Finanzwirtschaft, die sich wie dieses Mal auf die allgemeine Wirtschaft ausbreiten könnte, die Folge. Denn in diesem Bereich der Gesellschaft wird die Bewusstseinskrise durch die Rezession am schnellsten spürbar.

Wo wird diese Bewusstseinskrise noch deutlich?

Die Krise des Bewusstseins wird neben der Wirtschaft auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen deutlich. Ganz besonders in der Entwicklung der psychischen Erkrankungen: 30 Prozent der Bevölkerung leiden innerhalb eines Jahres an einer diagnostizierbaren psychischen Störung. Die Weltgesundheitsorganisation prognostiziert, dass Depressionen bis zum Jahr 2020 nach den Herz-Kreislauferkrankungen die zweithäufigste Erkrankung der Welt werden. Also handelt es sich nicht nur um ein deutsches, sondern um ein weltweites Phänomen. In allen Industrienationen nehmen die psychischen Belastungen ständig zu. Man kann eigentlich sagen, dass je zivilisierter und fortschrittlicher eine Nation wird, desto größer wird dort das psychische Leid. Nehmen wir beispielweise Malaysia. Im vergangenen Jahr hatte ich die Möglichkeit dorthin zu reisen. Selbst dort, wo die Menschen noch nicht so industrialisiert sind, wie in Europa oder Amerika, ist das psychische Leid sichtbar. Deshalb glauben wir, dass zwar die momentane wirtschaftliche Situation auf dem Weg der Besserung ist, der Negativtrend der psychosozialen Belastungen hat seinen Tiefpunkt dagegen noch lange nicht erreicht.

Wie kommen Sie darauf?

Sie müssen sich ja nur mal die aktuellen Zahlen der Krankenkassen ansehen. Darin wird deutlich, dass die Anzahl an Menschen, die aufgrund von psychischen Erkrankungen arbeitsunfähig sind, seit Jahren kontinuierlich steigt. Betrachtet man die Anzahl der Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater, und setzt sie in Relation zu den Erkrankungszahlen, dann wird deutlich, dass die Fachleute rund drei- bis fünfmal so viele Patienten behandeln müssten, um allen Betroffenen Hilfe bieten zu können. Somit ist eine angemessene medizinische und therapeutische Versorgung derzeit in Deutschland und auch weltweit nicht mehr möglich. Denn obwohl die Anzahl an psychosozialen medizinischen Versorgungsangeboten wächst, steigen die Betroffenenzahlen bereits seit Jahren schneller als die Zahl aller Fachkräfte.

Dr. Galuska

Dr. Galuska

Was sind die wirtschaftlichen Folgen des »massenhaften Seeleninfarktes« und wie lange können wir uns diesen Zustand leisten?

Der gesamtwirtschaftliche Schaden dieser erschreckenden Entwicklung ist durch Produktionsausfälle, medizinische Behandlungen, Krankengeld und Rentenzahlungen enorm. Im Gesundheitsreport der Barmer Krankenkasse vom Jahr 2009 wird der Anteil psychischer Erkrankungen an der Arbeitsunfähigkeit in Deutschland mit knapp 17 Prozent beziffert. Zudem sind sie die häufigste Ursache für frühzeitige Verrentungen: Bei Männern erfolgten im Jahr 2009 rund 32,1 Prozent aller Rentenneuzugänge aufgrund von psychischen Erkrankungen, bei Frauen waren es sogar 43,9 Prozent. Laut aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes vom August stiegen die durch psychische Störungen verursachten Krankheitskosten im Jahr 2008 auf 28,7 Milliarden Euro. Im Vergleich zum Jahr 2002 eine Steigerung um rund 23 Prozent. Aber nicht nur die Kosten der Arbeitsunfähigkeiten oder Frühverentungen müssen hier betrachtet werden, auch der Ausfall durch eine Produktivitätsminderung von erkrankten, aber noch nicht behandelten Arbeitnehmern muss einberechnet werden. Aktuelle Zahlen zu dieser Frage finden Sie auch auf der zum Aufruf gehörigen Internetseite www.psychosoziale-lage.dewww.psychosoziale-lage.de

Als Ursache diagnostizieren Sie Überforderung in der globalisierten Welt und Vereinsamung durch Auflösung der Familienstrukturen. Kann dieser Prozess rückgängig gemacht werden?

Nur wenn es uns gelingt eine Kurve zu drehen, wird die Bevölkerung aller industrialisierten Länder nicht weiter dekompensieren, also weiter erkranken. In der neuen Richtung ist es wichtig, dass die Seele mehr als Teil des Menschen ernstgenommen wird. Wir müssen ehrlicher und menschlicher miteinander umgehen, und das in allen gesellschaftlichen Bereichen. Wir müssen reflektieren, wie wir in Zukunft mit unseren Kindern, mit unserem Arbeitsplatz, unseren Freundschaften, unserer Familie umgehen wollen, und ob weiterhin nur oberflächliche Dinge wie Geld, Sport, Konsum zählen, oder ob es uns gelingt, die Welt der Werte, Gefühle und der Sinnsuche in allen Feldern zu aktivieren. Wir müssen aufwachen. In diesem Sinne ist unser Aufruf eher ein Weckruf. Und wenn uns das gelingt, dann kann dieser Prozess bestimmt nicht komplett rückgängig gemacht, aber bestimmt in eine positive Richtung für uns alle gelenkt werden.

Sie sprechen den meisten Menschen grundlegende Kompetenzen ab, die sie früher zur Bewältigung von Krisen und zur Entwicklung von tragfähigen und erfüllenden Beziehungen gehabt haben. Sind wir alle zu egoistischen Soziopathen mutiert?

Wir glauben nicht, dass die Bewältigungsfähigkeit der Menschen früher unbedingt besser war, aber die Anforderungen der Gesellschaft waren anders. Heute verlangt die immer vielschichtiger werdende Welt einiges von uns ab. Wir müssen auf alle möglichen Dinge reagieren, die Familie, die Arbeit, unsere Ansprüche, die wir selbst ans Leben haben, die Informationsflut der Medien und alle anderen Ansprüche der Gesellschaft unter einen Hut bringen. Diese Komplexität bringt einige Menschen an ihre Grenzen. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es auch Menschen gibt, die gut mit diesen Anforderungen umgehen können. Dann gibt es Menschen, die sich einfach irgendwie durchschlagen und mit ihren Möglichkeiten versuchen, die Situation zu handhaben. Aber die Zahlen derer, die aus der Schnelllebigkeit der Welt keinen Ausweg finden und überfordert sind, steigen kontinuierlich.

Zusätzlich gibt es einen Trend zur Individualisierung. Der Wunsch nach Selbstverwirklichung ist heute sicher größer als zu früheren Zeiten, in denen die Familie der einzige Mittelpunkt des Lebens war. Dadurch vermindert sich die Fähigkeit sich zu binden, denn andere Menschen werden oft als hinderlich auf dem Weg zur Selbstverwirklichung empfunden. Es erfolgt also eine Befreiung von Bindungen, von der Prägung durch die Familie oder des Partners. So werden tiefe und langandauernde Beziehungen selten. Diese sind aber notwendig, um uns in Krisenzeiten zu stabilisieren. Der Mensch ist ein Gesellschaftswesen.

Welche Reaktionen erhalten Sie auf Ihren Aufruf?

Die Reaktionen auf unseren Aufruf sind zum überwältigenden Teil sehr positiv. Wir haben bereits über 1.600 Unterschriften und auf der Internetseite zum Aufruf www.psychosoziale-lage.dewww.psychosoziale-lage.de stimmen täglich weitere Menschen dem Aufruf zu. Auch das Medieninteresse ist groß. Denn laut der Aussage eines Journalisten ist es sehr selten, dass Mediziner nicht in ihrer Funktion als Klinikleiter, sondern ausschließlich als Ärzte und Menschen für solch eine Initiative einstehen. Auf der Internetseite und auf der Facebook-Seite des Aufrufs ist auch schon ein Dialog entstanden, der teilweise sehr persönlich und emotional geführt wird. Dies zeigt uns, dass das Thema den Nerv der Zeit trifft und dass wirklich viele Menschen betroffen sind. Die häufigste Aussage ist: „Solch ein Aufruf war längst überfällig. Endlich tuts mal einer.«

Wie muss Therapie beschaffen sein, damit Menschen nicht zu Dauerkonsumenten in den Reha-Kliniken werden?

In unserem Aufruf sprechen wir davon, dass wir eine eine ganzheitliche, im echten Sinne psychosomatische Medizin, die die gegenwärtige Technologisierung und Ökonomisierung der Medizin durch eine Subjektorientierung und eine Beziehungsdimension ergänzt, benötigen. Was ist damit gemeint? Das bedeutet, dass der Mensch in der Therapie nicht mehr nur als Patient angesehen und als Kostenverursacher oder Leistungsträger instrumentalisiert werden darf, sondern dass sein Menschsein an sich wieder in den Vordergrund rücken sollte. Bei der Therapie ist von weiterer Bedeutung, dass der Mensch in seiner Ganzheit und in seiner Beziehung im größeren Zusammenhang betrachtet werden sollte. Die Therapie soll ihm dabei helfen, das Leben zu finden, das zu ihm passt und es trotz alldem zu lieben.

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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