Hans-Peter Dürr: Warum es ums Ganze geht

Glaube und Wissen gehören zusammen

Hans-Peter Dürr

Hans-Peter Dürr

Glaube und Wissen sind für Hans-Peter Dürr komplementäre Elemente einer umfassenden Sichtweise. Der Glaube wird von seiner Lückenbüßerrolle befreit und das Wissbare erfährt in der neuen Weltsicht eine prinzipielle Einschränkung.

»Es gibt nichts, was durchgängig bewiesen werden kann, nichts Greifbares, sondern alles mündet am Ende in unmittelbares Erleben, das ich durch Identifizierung als Bewegung meines Selbst als wahr erlebe.« Mutige Worte eines Trägers des Alternativen Nobelpreises, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik in München und lange Jahre Mitarbeiter des Physikers und Nobelpreisträgers Werner Heisenberg war, einem der Urväter der Quantenmechanik. Dieses ungewöhnliche philosophisch-physikalische Buch, das so etwas wie die Quintessenz eines langen und vollen Lebens enthält, rüttelt an den Grundfesten des materialistisch-wissenschaftlichen Weltbilds.

Auf knapp 200 Seiten versucht der renommierte Physiker, der sich über seine Fachgrenzen hinweg für den Umweltschutz in der internationalen Friedensbewegung engagiert, die komplexen Probleme unserer Zeit zu analysieren. Im letzten Kapitel versucht er, die revolutionären quantenmechanischen Ideen auf den Kontext der Gesellschaft zu übertragen. So wie es in der Quantenphysik letztlich keine Materie mehr gibt, sondern nur Wahrscheinlichkeiten, Möglichkeiten und Beziehungsstrukturen, in denen sich Teilchen zueinander verhalten können, so gibt es auch in der Gesellschaft nur noch eine Möglichkeit, mit den globalen Problemen umzugehen: Es müssen Lebensstile entwickelt werden, die die Tragfähigkeit des Biosystems nicht überfordern. Gefragt sind moderates Verhalten und Entschleunigung: »Es braucht Intelligenz und Zeit. Wenn ich mir nicht genügend Zeit nehme, dann fördere ich am Ende nur noch die beliebig schnellen, stupiden Zerstörungsprozesse und nicht die langsamen, intelligenten Aufbauprozesse, die die eigentliche Wertschöpfung ausmachen«, erklärt Hans-Peter Dürr.

Er zitiert eine alte tibetische Weisheit, die besagt: »Ein Baum, der fällt, macht mehr Krach, als ein Wald, der wächst,« und zieht daraus den Schluss, dass wir uns vom Schnellen, Spektakulären, Zerstörerischen wieder dem Langsamen, Langweiligen und Aufbauenden zuwenden müssen, so wie es die Frauen seit Jahrtausenden schon im Hintergrund getan hätten.

Am Schluss seines Buchs stellt der philosophische Physiker auch die Sinnfrage, die aber nicht im »Rahmen unseres begrifflichen Denkens gestellt werden kann.« Da Schöpfung für Hans-Peter Dürr in »jedem Augenblick stattfindende Realisierung von Potentialität ist«, kann man sich der Sinnfrage nur aus der Zusammenschau von Glauben und Wissen nähern. Das aufregende Erlebnis, das wir Leben nennen, sei ein ewiger Griff in den vollen Topf des Potenziellen. »Ich versenke mich in Ahnungen und versuche, darauf neue Ideen zu entwickeln, die ich dann sprachlich zu fassen und handelnd umzusetzen versuche.«
Schön, das ein spirituelles Buch auch mal ohne die Begriffe »Bewusstseinsevolution« und »Transformation« auskommt. Für das, was Hans-Peter Dürr will, braucht es keinen neuen Menschen, sondern kreativitätsfördernde Bildungseinrichtungen: »Wir müssen nur für das, was im Menschen an gesellschaftsfähigen Eigenschaften steckt, Raum schaffen. Es ist alles da. Dafür brauchen wir eine neue Erziehung, die Zusammenarbeit, Partizipation und Kreativität fördert und ermöglicht. Denn es sind doch die kreativen Begabungen, welche Abweichungen von der Norm zulassen.«

Hans-Peter Dürr: Warum es ums Ganze geht. Oekom Verlag 2009, 189 S., HC, 19,90 €

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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