Interview mit Rupert Neudeck über die Kraft Afrikas

»Dieser Kontinent wird uns noch Hoffnung und Zuversicht lehren«

Rupert Neudeck

Rupert Neudeck

Rupert Neudeck setzt sich seit 30 Jahren in der ganzen Welt für die Menschenrechte ein. Dabei schreibt und predigt der gelernte Journalist nicht nur, sondern packt auch tatkräftig selbst mit an, zuletzt mit dem von ihm mit gegründeten internationalen Friedenskorps »Grünhelme« in Afrika. Rechtzeitig zur ersten Fußballweltmeisterschaft auf afrikanischem Boden erscheint sein Buch »Die Kraft Afrikas – Warum der Kontinent noch nicht verloren ist«.  Oliver Bartsch befragte ihn zum schlechten Abschneiden der afrikanischen Mannschaften, warum Afrika eine andere Entwicklungspolitik benötigt auf warum das Potential der Afrikaner noch nicht ausgeschöpft ist.

Ihr Traum, dass Nelson Mandela einem afrikanischen Team den WM-Cup überreicht, hat sich leider nicht erfüllt. Ist Afrika noch nicht reif für den WM-Titel?

Die Bürokratie ist noch nicht reif, es gibt das sattsam bekannte Phänomen der afrikanischen Elitenkorruption auch in Fußballverbänden. Denn von afrikanischen Fußballern – von Algerien bis nach Süd-Afrika – leben die reichen Clubs der ganzen Welt. Außerdem bleibt Fußball in Afrika Spiel, das ist bei uns in Europa und in den reichen Ländern Arabiens zur Kapitalakkumulation und Profitsteigerung verkommen.

Was hat die Fußball-WM für die Menschen in Afrika gebracht?

So viel wie für uns Deutsche die gewonnene Fußball-Weltmeisterschaft 1954, das war für unsere verwundeten Seelen damals ein unglaublicher Rückenwind und eine Verstärkung, mit der wir das Wirtschaftswunder geschafft haben. Afrika hat mit der Ausrichtung der Weltmeisterschaft etwas geschafft, was ihm niemand in den westlichen Ländern zugetraut hat. Das wird zählen. Und das wird die Afrikaner beflügeln.

Ein Grünhelm-Projekt in Ruanda

Ein Grünhelm-Projekt in Ruanda

Sie haben als Vorsitzender der Hilfsorganisation »Grünhelme“ viele afrikanische Länder bereist. Welches Land hat Sie am meisten beeindruckt, welches am meisten erschreckt?

Eritrea hat mich am meisten beeindruckt in der Zeit des Befreiungskrieges. Das disziplinierteste Land und Volk, das ich in meinem Leben erlebt habe. Wegen der MIG-Angriffe aus der Luft machten die Menschen die Nacht zum Tage und den Tag zur Nacht. Dasselbe Land hat mich nach der Befreiung und der Unabhängigkeit am meisten erschreckt. Der Chef der Befreiungsfront, Isayas Afeworki, ist einer der schlimmsten Tyrannen und Schurken Afrikas geworden.

Der Afrika-Korrespondent der FAZ, Thomas Scheen, hat mal gesagt: »Das Afrika Entwicklungshilfe braucht, ist eine Erfindung des Westens. Genauer gesagt: Der Hilfsorganisationen, die davon leben, der Welt zu erzählen, wie unabdingbar sie sind. Dabei entbindet Entwicklungshilfe die lokalen Eliten von ihrer eigenen Verantwortung, weil das Geld unter allen Umständen fließt«. Was unterscheidet die »Grünhelme« von anderen Hilfsorganisationen?

Wir wollen nur unterstützen auf Zeit und sind eine reine »Nicht Regierungsorganisation geblieben«. NGO ist für uns ein Ehrentitel, der uns verpflichtet, das Geld nur bei der Bevölkerung einzubetteln und zu erbitten. Außerdem heißt für uns Arbeit in diesen Ländern nie Engagement in der Hauptstadt. Dann könnten wir auch hier in Deutschland bleiben. Es heißt immer – ausschwärmen, leben neben dem Bauprojekt in dem Dorf, auch wenn es dort keine Disco oder andere Unterhaltungsmöglichkeiten gibt.

Warum setzen Sie sich für eine andere Entwicklungspolitik ein?

Die bisherige Entwicklungspolitik hat die fetten Katzen und Kleptokraten (Herrschaftsform, in der sich die Herrscher auf Kosten der Beherrschten bereichern Anm. d. Red.) in Afrika fetter gemacht. Die Völker bitten uns inständig, mit den korrupten Regierungen nicht mehr zusammenzuarbeiten. Das sollten wir beherzigen. Das Geld darf nicht mehr an diese Regierungen gehen. Afrika wurde mit diesem Geld arm regiert.

Was können wir Europäer tun, um Afrika zu unterstützen?

Alles das, was tausende Klein- und Kleinst-Initiativen schon tun in zahlreichen Dörfern, Schulen und Gemeinden, das bringt uns mit den Menschen vor Ort zusammen. Die Europäischen Länder wären gut beraten, wenn sie das wertvolle Entwicklungshilfe-Geld (in Deutschland 5,8 Milliarden Euro) gezielt für zwei, drei Partnerländer in die Waagschale werfen, aber als Angebot für die Förderung der Wirtschaft und die Förderung der Berufsausbildung, was wiederum der Generierung von Arbeitsplätzen dient.

Sie zeichnen in ihrem Buch »Die Kraft Afrikas« ein schonungsloses Bild des afrikanischen Kontinents: in vielen Ländern herrscht Bürgerkrieg, Korruption, wirtschaftlicher Niedergang. Was gibt Ihnen dennoch Anlass zur Hoffnung?

Die Menschen haben in ihren Dörfern eine große Kraft zum Überleben entwickelt. Das sind hunderte von Millionen Menschen, die eine Kraft und eine Fähigkeit haben, ihr Unternehmen Großfamilie zu managen, die mir den allerhöchsten Respekt abverlangt. Dieser Kontinent wird uns noch Hoffnung und Zuversicht lehren. Er hat es nicht so schnell geschafft wie Asien, aber in 30 Jahren wird dieser Kontinent uns wirtschaftlich Konkurrenz machen und das Fürchten lehren. Dass es in Afrika mal 300 Millionen Handybesitzer geben würde, hätte vor 15 Jahren niemand für möglich gehalten. So beginnt der Wirtschaftsboom und die moderne Kommunikation auch im afrikanischen Regenwald.

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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