Karma-Konsum

Fleisch aus dem Labor

© Günter Havlena pixelio.de

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Deutschland ist immer noch ein Land der Fleisch(fr)esser, daran ändert auch die wachsende Anzahl von Vegetariern nichts, immerhin acht Prozent der Bevölkerung. Aber auch bei den Fleischessern wächst der Wunsch, moralisch einwandfreies Fleisch auf den Teller zu bekommen, denn es hat sich herumgesprochen, dass das Fleisch von Tieren, die qualvoll in Schlachthäusern sterben, auch Auswirkungen auf den Menschen hat. Wissenschaftler arbeiten in Labors an verschiedenen Lösungsmöglichkeiten, wie Fleisch ohne Leid auf künstlichem Weg hergestellt werden kann.

68 Kilogramm Fleisch und Wurst vertilgt Deutschland pro Jahr und Kopf, damit liegen wir im europäischen Mittelfeld, die Tendenz ist aber nach wie vor steigend. Während die Nachfrage weiter steigt, sinken die Preise für Bratwurst und Schnitzel. Das wirkt sich wiederum negativ auf die Lebensbedingungen der Schlachttiere aus, trotz Tierschutzvereinigungen und verbesserter Tierrechte. Das Leid der Tiere ist vielen Fleischliebhabern nicht egal, und es sieht so aus, als ob den Freunden ethisch korrekter Fleischeslust jetzt echte Alternativen zum totalen Verzicht geboten werden können.

Schmerzen wegzüchten

Die radikalste Alternative bietet der US-amerikanische Philosoph Adam Shriver. Er schlägt vor, die Masttiere durch schmerzunempfindliche Züchtungen zu ersetzen. Das Leid der Tiere sieht er als beendet an, sobald ihre psychische Schmerzempfindlichkeit verschwindet. Das könnte erreicht werden, indem durch Genmanipulation ein kompletter Hirnbereich ausgeschaltet wird, der für das Schmerzempfinden zuständig ist. Die Idee ist nicht mehr ausschließlich phantastischer Literatur vorbehalten, denn seit 2002 forschen Molekularbiologen an der Möglichkeit, das Leid von Schmerzpatienten zu milden. So hat man bei Mäusen ein Gen gefunden, das für die Schmerzweiterleitung zuständig ist und diese ausgeschaltet. Diese schmerzunempfindlichen Tiere unterscheiden sich angeblich nicht in ihrem Verhalten und geistigen Fähigkeiten von dem Verhalten ihrer Artgenossen.

Natürlich laufen die Tierfreunde gegen solche Praktiken Sturm: »Tiere genetisch von potentiellen Leiden zu befreien ist nur ein Herumdoktern an den Symptomen der Massentierhaltung«, erklärt Lars Hollerbach von der Tierrechtsorganisation Peta.

Ein Segen für die Welternährung

© Siepmann pixelio.de

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Eine andere Antwort auf den Wunsch nach Fleischkonsum, dass ethisch korrekt ist, wächst in den Petrischalen wissenschaftlicher Labors heran. Dabei handelt es ich um Stammzellen, dass Tieren entnommen wird und in Petrischalen sich vermehren soll. Wissenschaftler hegen dabei die Hoffnung, dass die Häufchen Gewebe in Glasschälchen in fünf bis zehn Jahren wirklich zur Basis für eine stattliche Bratwurst heranwachsen könnte. Dieses Fleisch wäre preisgünstiger als herkömmliche tierische Produkte und wäre vom Geschmack einer Salami, die von einer Kuh im Stall stammt, nicht mehr zu unterscheiden. Selbst Peta unterstützt die Forschung, indem sie einen Wettbewerb ins Leben gerufen haben. Demjenigen Forscherteam, das als erstes marktfähiges In-Vitro-Fleisch produziert, winken eine Million Dollar. Bislang ging bei den Tierschützern aber noch kein preisverdächtiges Gewebe ein.

Auch für die Welternährung wäre das künstlich produzierte Fleisch ein Segen, denn zur Zeit werden dreizehn Prozent der weltweiten Getreideerträge an Tiere verfüttert. Je mehr Fläche für Futtermittel verwendet wird, desto weniger Raum bleibt für die Versorgung der Bevölkerung. Zurzeit sterben etwa 25. 000 bis 30.000 Menschen täglich an den Folgen von Unterernährung. Mit dem derzeitigen Bevölkerungswachstum auf diesem Planeten – jährlich kommen 75 Millionen Menschen hinzu – kann die traditionelle landwirtschaftliche Fleischproduktion nicht mehr Schritt halten, weder ökologisch noch ökonomisch. Gewebekulturfleisch wäre eine potentielle Lösung für die ernährungsökonomischen Folgen einer übermäßigen Tierproduktion.

Karma-Konsum

Auch an einer Nährlösung auf veganer Grundlage wird geforscht. An der Touro College School of Health Sciences in New York wird nach einem Wachstumsmedium geforscht, das kein fetales Rinderserum erfordert. In den Niederlanden arbeiten Wissenschaftler an einer Methode, um Laborgewebe zu Muskelkontraktionen zu bewegen, dann würde auch der letzte Unterschied zu herkömmlichen Fleisch verschwinden. Aufgrund der zellulär identischen Basis wären alle In-Vitro-Fleischprodukte geschmacklich nicht vom echten Fleisch zu unterscheiden, doch ob das Fleisch auch vom Verbraucher angenommen wird, steht auf einem andern Blatt: »Der Nahrungskonsum und die Wahl des Essens ist immer noch sehr konservativ und ein kulturell gebundenes Phänomen«, erklärt Vladimir Mironov von der Medical University of South Carolina in den USA. Die steigenden Verkaufszahlen von Biofleisch und Freilandeiern sprechen aber für ein wachsendes Bewusstsein für Karma-Konsum. Karmakonsum steht für ein Verbraucherbewusstsein, das bei Kaufentscheidungen die Kriterien für Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung einbezieht.

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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