Artho Wittemann: Warum wir erst anfangen, uns selbst zu verstehen

Ein neues Bild der Psyche

Artho Wittemann

Artho Wittemann

Artho Wittemann, der Begründer der IndividualSystemik, zeichnet in seinem neuen Buch »Warum wir erst anfangen uns selbst zu verstehen« ein neues Bild der Psyche, dass über die Strukturmodelle von Freud, Jung, Assagioli, Voice Dialogue und dem Inneren Team weit hinausgeht und zu einer logischen, nachvollziehbaren und in der Praxis überprüfbaren Architektur der Innenwelt führt. Seine langjährige Forschungsarbeit über den systemischen Aufbau der Psyche ist Gegenstand eines Video-Interviews, das er connection-Verlagschef Wolf Schneider im November 2009 gegeben hat.

Artho Wittemann geht davon aus, dass in jedem Menschen verschiedene, innere Personen existieren, die dem Leben gegenüber ganz unterschiedliche Standpunkte einnehmen können. In einer therapeutischen Sitzung kann eine einzelne, innere Person gezielt angesprochen werden. In diesem Dialog erkundet der Therapeut die tiefen, meist völlig unbewussten Haltungen der Inneren Person. Zunächst einmal wird er aber nur ihre Oberfläche kennenlernen.

Philip der Große

Da kommt zum Beispiel Philip in seine Praxis, ein erfolgreicher, etwas großspuriger Jungunternehmer. Philip will herausfinden, warum seine Beziehungen nie länger halten als gerade mal eine Saison. Der Therapeut initiiert einen Dialog mit der offensichtlichsten Inneren Person von Philip: mit dem charmanten, gönnerhaften, angeberischen und ziemlich selbstbezogenen Philip dem Großen, dem Meister aller Hubraum-Klassen, wie sich die Innere Person – halb ernst, halb witzig – gleich selbst einmal vorstellt.

Der Therapeut versucht nun in keiner Weise, die Innere Person zu verändern, ja nicht einmal, ihre tieferen und unbewussten Motive zu verstehen. Stattdessen bezieht er sich intensiv und vorbehaltlos aus einer ähnlichen inneren Haltung auf sie. Diese Art der Begegnung geht über das therapeutische Spiegeln weit hinaus; es führt zu einem authentischen Treffen zweier ähnlicher Personen. Wittemann nennt diese Art des Dialoges »Gleich-zu Gleich«.

Philip der Große fühlt sich – gerade in seiner oberflächlichen, unernsten und großspurigen Art – ernst genommen und verstanden. »Ich mache ihm seine Art zu sein bewusst und vertiefe sie mit ihm, bis wir an einen Kulminationspunkt kommen, wo er selbst merkt, wie er ist. An dieser Stelle macht es bei Philip klick, und er wird plötzlich ganz anders« erläutert Wittemann sein Vorgehen.

Das Tiefenschichtenmodell

Überraschenderweise verbergen sich nämlich unter der ersten und offensichtlichen Haltung von Philip dem Großen tiefere Haltungen, die ganz unbewusst sind. Philip wundert sich ja, warum er seine Beziehungen ab einem bestimmten Grad von Nähe und Intimität immer beenden muss. Jetzt erfährt er die Antwort: Unter seiner charmanten Großspurigkeit ist Philip der Große ein wahres Ekel; unsympathisch, negativ, abweisend. Wieder beginnt ein Dialog im Gleich-zu-Gleich, nur diesmal viel unerquicklicher, und wieder erreicht die Begegnung einen Kulminationspunkt: Das abweisende, gelangweilte Ekel verwandelt sich in einen ganz offen machtvollen Boss der eindeutig erklärt, dass er Philips Beziehungen kontrolliert und dass er Nähe und Liebe verachtet. Erst in einer weiteren Schicht erinnert er sich dann an seine lang vergessene ursprüngliche Natur und Liebe, an seine Essenzhaltung, die unter vielen Schichten von Reaktionshaltungen begraben war.

»In diesem Beispiel ist es ein kraftvoller, unabhängiger Mann, der ein tiefes Gefühl für Respekt, Gerechtigkeit und Integrität empfindet. Seine Werte müssen irgendwann früh in Philips Leben bedroht gewesen sein. Er wollte die Bedrohung abwehren und sammelte all seine Kraft, Autorität und Unabhängigkeit, um sich ihr in den Weg zu stellen – er wurde zum Boss. Der Boss ist eine Reaktionshaltung dieser Quelle, denn er befindet sich in einem dauerhaften und unreflektierten Zustand der Abwehr und Selbstbehauptung. Weil diese Haltung nicht reichte, um seine Werte zu verteidigen, begann er zusätzlich eine ständige negative, ablehnende Haltung zu entwickeln  den Stinkstiefel. Nun war er zwar sicher, aber auch einsam. Also entwickelte er eine weitere Schicht, die ihm zwar Freunde und Anerkennung brachte, die Menschen aber gleichzeitig auf Abstand hielt: das war die oberste Schicht, Philip der Große,« erklärt Artho Wittemann das Tiefenschichtenmodell dieser Inneren Person in der umgekehrten Reihenfolge, der Reihenfolge seiner Enstehung.

Artho Wittemann hat beobachtet, dass jede Innere Person ihre eigenen tieferen Qualitäten und Impulse selbst verdrängt. »Alle inneren Personen haben die Neigung, an ihrer Oberfläche zu bleiben und ihre Tiefe zu verbergen. Innere Personen wollen möglichst normal, harmlos und positiv erscheinen. Sie führen den Therapeuten und die ganze Welt in die Irre.« Dies tun sie um sich selbst zu schützen. Sie erleben ihre Reaktionshaltungen als Lösung und wollen sie daher selbst gar nicht verändern – auch wenn sie zu neuen schweren Problemen führen.

Die geheimen Machtseiten

Die Inneren Personen sind bestrebt, alles, was sie verletzlich macht, zu verstecken. Sie machen das in mehreren Verdrehungen solange, bis sie selbst nicht mehr wissen, wer sie ursprünglich einmal waren. Über den Dialog, in den sie mit dem Therapeuten eintreten, werden diese Drehungen zurückgeführt, bis die Person wieder an ihrer ursprünglichen Haltung ankommt. Dies ist ein Punkt von großer Erleichterung und der Erinnerung: »Ja, so war ich ursprünglich und so kann ich ohne Anstrengung sein. Und weil das jetzt mit Bewusstsein erkannt wird, hat es eine neue Qualität. In den Verdrehungen stecken ja Lernprozesse, die als Erfahrungsschatz für die Innere Person erhalten bleiben. Aber sie ist jetzt wieder angebunden an den Fluss von Liebe und Geben-Wollen«, erklärt Artho Wittemann das Ergebnis eines erfolgreichen Prozesses.

Es gibt jedoch keine Garantie für Erfolg. Wenn so ein Prozess zwei bis drei Jahre lang mit verschiedenen Inneren Personen in die Tiefe geführt wird, kommt man unweigerlich an einen Punkt, wo plötzlich alles stoppt. Die Träume hören auf, es bieten sich keine Inneren Personen mehr an, und der Klient weiß nicht mehr, womit er noch arbeiten sollte. Er fühlt sich leer, er versteinert oder er dreht sich nichtssagend im Kreis. Die Grenze zwischen dem vorderen und dem hinteren Raum der Psyche ist erreicht. Im hinteren Raum existieren die Inneren Personen, die vor langer Zeit machtvoll und absolut beschlossen haben, sich nie wieder auf das Leben, auf Menschen oder auf Gott einzulassen: »Ich spiele nicht mehr mit! Ich verzichte. Ich bin nicht mehr da.« Sie sind sich absolut sicher, das sie niemals jemand wieder entdecken wird. Ihr absoluter Rückzug hat ein Leben lang gut funktioniert. Alles, was von draußen kommt, wird von den Personen im vorderen Raum beantwortet und abgefangen. Wenn das nicht reicht, kommt erst einmal das große Nichts: die fast undurchdringliche Grenze zum hinteren Raum.

Beziehung mit dem Nichts

Auch mit diesem Nichts geht der Therapeut in eine Beziehung von Gleich-zu-Gleich: »Wir konfrontieren das Nichts mit sich selbst. Dieser Prozess kann stundenlang dauern, ohne dass etwas geschieht. Aber der Patient fühlt, dass dieses Nichts aus ihm selbst heraus kommt, und wenn er mutig ist, geht er noch einen Schritt weiter. Dann wird es aber noch schwieriger, weil die Geheime Machtseite jetzt fühlt, dass von außen jemand näher kommt. An dieser Sollbruchstelle kann ein Klient vielleicht sehr aggressiv werden oder die Therapie unter den merkwürdigsten Begründungen abbrechen.«

Die Klienten, die trotzdem bleiben, weil sie herausfinden wollen, wer sich in ihnen so machtvoll zurückgezogen hat, erleben innere Dramen von archetypischer Gewalt. Tiefe Vorwürfe gegen Gott und gegen das Leben selbst werden bewusst. Menschen, die durchaus spirituell und religiös leben, verfluchen Gott und seine Schöpfung. Erinnerungen an fürchterliche Ereignisse, Verletzungen und Katastrophen, die mit dem aktuellen Leben offensichtlich nicht viel zu tun haben, drängen ins Bewusstsein. Jetzt wird klar, woher das absolute Nein kommt. Und jetzt erst kann sich die Geheime Machtseite wieder an ihre ursprüngliche Haltung zum Leben, an ihre Liebe, an ihre Fähigkeiten erinnern. Jetzt erst bekommt sie von alleine wieder Lust, vielleicht doch noch einmal zu versuchen, am Leben teilzunehmen.

»Diesen Punkt habe ich aber erst mit etwa fünf Klienten erreicht. Ich entwickle diese Arbeit schon seit über 15 Jahren. Aber erst vor etwa zehn Jahren haben wir überhaupt angefangen, die Existenz der Geheimen Machtseiten zu ahnen«. Artho Wittemann ist sich durchaus der großen Widerstände bewusst, die überwunden werden müssen, soll ein innerer Prozess bis zu diesem zentralen Angelpunkt geführt werden.

Warum sind die Menschen so?

Warum er trotzdem zufrieden ist, erklärt Artho Wittemann mit der Tatsache, dass er im Laufe dieser Jahre Antworten auf Fragen gefunden hat, die ihn sein Leben lang beschäftigt haben. »Ich wollte immer wissen, warum Menschen so sind, wie sie sind. Ob sie böse sind oder ob sie einfach nur unwissend sind. Jetzt weiß ich, sie sind beides. Das Böse im Menschen sind die Reaktionshaltungen von Inneren Personen, die sich selbst von ihrer Liebe abschneiden. Daraus entsteht absolute Gnadenlosigkeit, die aber gar nicht so empfunden wird. Die Inneren Personen, die in negativen Reaktionshaltungen gefangen sind, haben immer das Gefühl, im Recht zu sein und lediglich ein wenig von dem Zurückzugeben, was ihnen selbst passiert ist. Sie richten damit aber großen Schaden an, sowohl in dem Leben von anderen Menschen als auch im Leben der Person, zu der sie gehören.«

Die Geheimen Machtseiten sind der Angelpunkt eines inneren Systems: »Wenn die Geheimen Machtseiten sich wieder an ihre ursprüngliche Liebe erinnern und wenn sie wieder in Kontakt mit den Menschen und der Welt treten, findet eine Neuorganisation des Systems statt, die sich klar im äußeren Leben wiederspiegelt.«

Advertisements

Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: