Artensterben

17.000 Tierarten vom Aussterben bedroht

Der Sumatra Orang-Utan stirbt aus © Anup Shah/naturepl.com

Der Sumatra Orang-Utan stirbt aus © Anup Shah/naturepl.com

In Bayern 3 kam die Nachricht als Letztes: 17.000 Tierarten sind nach dem Bericht der Weltnaturschutzunion vor dem Aussterben bedroht. Eine Recherche im Internet ergab: fast nichts. Immerhin vier Nachrichtenmagazinen im Internet war diese Meldung einen Bericht auf der Startseite wert. Focus, Spiegel, Süddeutsche, Stern? Fehlanzeige. Die Zahlen gehen in das eine Ohr rein und aus dem andern Ohr wieder raus. Der alle vier Jahre veröffentlichte Bericht – dessen Zahlen eine alarmierende Sprache sprechen – lässt viele Medienmacher genauso kalt wie der Monatsbericht der Agentur für Arbeit. Mit der Massenarbeitslosigkeit hat sich inzwischen wohl jeder genauso abgefunden wie mit dem Massentiersterben.

Mich macht das wütend. Natürlich bin ich auch wütend darüber, dass ich selbst jahrelang als Journalist nichts dazu beigetragen habe, publizistisch für das Thema Artensterben sensibel zu machen. Ich habe mich auch nicht für den Jahresbericht von Amnesty International interessiert oder für die Schreckensmeldungen vom Abholzen des Regenwaldes oder das Abschlachten von ganzen Bevölkerungsgruppen. Da habe ich mich lieber darüber aufgeregt, dass der HSV schon wieder nicht Deutscher Fußballmeister wurde oder mich mit spirituellen Themen beschäftigt wie der Frage, ob es sinnvoll ist, in diesem Leben nach Erleuchtung zu streben.

Wir schaden uns letztlich selber

Der Mensch zerstört seine Lebensgrundlage: Vor allem Abholzung, Umweltverschmutzung, Überfischung und der unerwünscht ins Netz gegangene Beifang sorgen nach Analyse der Weltnaturschutzunion (IUCN) für eine anhaltende Ausrottung von Tierarten. Diese Umweltsünden wiegen für den Artenschwund deutlich schwerer als der ebenfalls vom Menschen verursachte Klimawandel, stellt die IUCN in ihrem jüngsten Bericht fest. Die Analyse »Tierwelt in einer sich veränderten Welt« ist im schweizerischen Gland vorgestellt worden. Fast 17.000 Tierarten gelten demnach als akut bedroht. Dabei stellt der Eingriff des Menschen in die Natur die größte Gefahr dar.
Sind wir zivilisierten Mitteleuropäer soweit weg von unserer eigenen Natur, dass wir gar kein Gespür mehr dafür haben, dass wir mit unserem Verhalten (kaufen und wegschmeißen, kaufen und wegschmeißen) unsere eigene Lebensgrundlage zerstören? Beispiel Autoindustrie: Es gibt staatliche Prämien für Menschen, die sich ein neues Auto kaufen und ihr Altes verschrotten lassen. Erreicht werden soll dadurch eine Abbremsung des Minuswachstums, eine Belebung der Konjunktur und eine Entlastung der Umwelt. Die erschreckende Bilanz: Mit den 2500 Euro Verschrottungsprämie finanzieren wir ausländische Kleinwagenhersteller und tun nichts für die Umwelt. Die Ökobilanz tendiert gegen Null, weil der Aufwand der Verschrottung den verminderten CO2-Ausstoß neutralisiert: also ein sinnloses Wahlkampfgeschenk an die Lobbyisten.

Ziel verfehlt

Vom Aussterben bedroht: der Eisbär © dpa

Vom Aussterben bedroht: der Eisbär © dpa

Das von den meisten Regierungen 2002 aufgestellte Ziel, den Rückgang der Artenvielfalt deutlich aufzuhalten, werde bis 2010 nicht wie geplant erreicht, heißt es in dem Bericht weiter. »Die Regierungen sollten denselben Ehrgeiz, den sie für die Erhaltung des Wirtschafts- und Finanzsektors aufwenden, auch für den Schutz der Natur entwickeln«, erklärte der Co-Autor der alle vier Jahre vorgelegten Studie, Jean-Christophe Vié.
Der Bericht analysiert 44.838 Tierarten, die auf der Roten Liste der gefährdeten Arten der IUCN stehen. Daraus geht hervor, dass mindestens 16.928 dieser Tierarten die Ausrottung droht. Da nur 2,7 Prozent der 1,8 Millionen bekannten Arten untersucht wurden, spricht die Umweltorganisation von einer groben Unterschätzung. Sie sei aber gleichwohl als Schnappschuss dazu geeignet festzustellen, wie es um das Leben auf der Erde stehe.

Fast 900 Tierarten bereits verschwunden

Nach dem jüngsten Bericht sind bereits 869 Tierarten verschwunden. In Europa gelten 38 Prozent aller Arten von Süßwasserfischen als bedroht, in Ostafrika sind es 28 Prozent. Dort sind es vor allem Wasserverschmutzung und sich neu ansiedelnde Arten, die den Bestand gefährden. Durch Veränderung der Lebensbedingungen (Verschmutzungsgrad, Klima) siedeln sich Arten an, die vorher in diesem Biotop nichts verloren hatten – und verdrängen dabei die Alteingesessenen.
Noch schlimmer ist es in den Ozeanen. Wie zuvor von der IUCN schon mitgeteilt, sind etwa ein Drittel der Haie und Rochen im offenen Ozean vom Aussterben bedroht. Auch 12 Prozent der Barsche und 86 Prozent der Schildkrötenarten droht das Aussterben. Etwa 27 Prozent der 845 Korallenarten, die Riffe bilden, sind ebenso bedroht, 20 Prozent stehen kurz vor der Ausrottung. Bei den Seevögeln kämpfen knapp 28 Prozent um ihr Überleben. Bei den Landvögeln sind es 12 Prozent. Ein Drittel der Amphibien und fast ein Viertel der Säugetiere gelten ebenfalls als vom Aussterben bedroht.

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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