Die Mission des Claude Anshin Thomas

Den Krieg gegen sich selbst beenden

Claude Ansin Thomas

Claude Ansin Thomas

Claude Anshin Thomas meldete sich als 18jähriger freiwillig zum Einsatz im Vietnamkrieg und kehrte mit schwersten Verwundungen zurück. Er war während seines Einsatzes in Vietnam für den Tod von vielen Hundert Menschen verantwortlich. Wie andere Vietnamveteranen machte er leidvolle Erfahrungen mit Obdachlosigkeit, Straffälligkeit, Arbeitslosigkeit und Drogensucht. Er begann daran zu arbeiten, seine Wunden auf emotionaler, mentaler und spiritueller Ebene zu heilen. 1995 hat Claude Anshin (Friedensherz) die Gelübde als Zen-Buddhistischer Mönch in der Soto-Zen-Tradition abgelegt. Seitdem vermittelt er in Vorträgen und Retreats die Meditations- und Achtsamkeitspraxis. Er leitet lange Pilgerwanderungen und Straßenretreats, er besucht Schulen und Gefängnisse, um Gewaltlosigkeit und friedliche Mittel der Konfliktlösung zu fördern.

Posttraumatische Balastungsstörung

Noch heute peinigen ihn die Erinnerungen an den Krieg, wacht er nachts schweißgebadet auf, hat er den Geruch von Blut und angebrannten Leichen in der Nase, zuckt er zusammen, wenn es irgendwo einen lauten Knall gibt, auch 40 Jahre nach dem Krieg kann er sich nich an die Gesicher der Toten erinnern. Heute sagt er, der einzige Krieg, den er beenden könne, sei der Krieg gegen sich selbst. Er sagt, seine Geschichte sei die Geschichte aller Soldaten. Die Geschichte der Sieger und Verlierer, in Vietnam, im Irak, in Bosnien und in Afghanistan. Anshin hat etwas, dass man seit einigen Jahren Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) nennt und von dem etwa 15 Prozent aller in Kriegsgebieten eingesetzen Soldatenn betroffen sind.

Die Kriegsveteranen kommen zurück

Kriegsgräber

Kriegsgräber

Etwa 62.000 Soldaten der Bundeswehr waren in den vergangenen drei Jahren im Ausland eingesetzt, in Bosnien, im Kosovo und in Afghanistan. Die Öffentlichkeit gewöhnte sich daran, dass Soldaten bei Anschlägen verletzt oder getötet werden. Mit der Zahl der immer gefährlicheren Auslandseinsätze wächst hier wieder eine gesellschaftliche Gruppe heran, die fast verschwunden war: die Kriegsveteranen. Im Gegensatz zum US-Soldaten Claude Thomas haben die meisten von ihnen im Einsatz keinen einzigen Schuss abgegeben, geschweige denn einen Menschen getötet. Aber sie lebten über Monate hinweg in Angst vor Anschlägen, sie haben Tote und Verwundete gesehen, Hunger und Armut erlebt, wie es sich die Deutschen zu Hause längst nicht mehr vorstellen können.

Für viele von ihnen hört der Krieg nicht auf: 245 Mal diagnostizierten die Psychologen der Bundeswehr im vergangenen Jahr bei Soldaten eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). 245 Fälle – das mag auf den ersten Blick verschwindend gering erscheinen im Vergleich zu den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals gab es die Diagnose zwar noch nicht, dafür war aber eine ganze Generation traumatisiert. Die zerstörerische Kraft der Angst macht keinen Unterschied zwischen Tätern und Opfern. Sie kann jeden zerbrechen. Bei Gewittern zuckten Väter und Großväter zusammen; der Donner klang für sie wie ein Luftabwehrgeschütz. In Aufzügen erkannten sie Bunker oder Unterstände, und somit tödliche Fallen. Ein Spaziergang über den Stadtplatz kam für sie einem Himmelfahrtskommando gleich – in jedem Fenster ringsum konnte ein Scharfschütze lauern.

Nichts ist mehr, wie es war

Sie alle zeigen mehr oder weniger ähnliche Symptome, die von der Weltgesundheitsorganisation als Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) zusammengefasst werden: Dazu zählen Schlafstörungen, erhöhte Wachsamkeit, Wutausbrüche, Schreckhaftigkeit. Entweder erinnern sich die Betroffenen immer wieder an das traumatisierende Geschehen oder aber – das andere Extrem – sie haben es aus ihrem Gedächtnis verdrängt. Jetzt kehren wieder deutsche Soldaten aus dem Krieg zurück. Im Gegensatz zu früher werden sie diesmal nicht alleine gelassen. Psychologen der Bundeswehr kümmern sich um sie. Aber kann man Menschen überhaupt von ihrer peinigenden Erinnerung heilen? Die Opfer von Gewalt müssen das Grauen in der Therapie nochmals durchleben, um es in ihr Leben einbauen zu können. Aktualisierung heißt das in der psychologischen Fachsprache. Und sie müssen sich von der Illusion verabschieden, alles könnte wieder so werden, wie es einmal war – vor dem Unfall, vor dem Vietnamkrieg und vor dem Einsatz in Afghanistan.

Ein langer Leidensweg

Für Claude Thomas beginnt der eigentliche Leidensweg, nachdem er aus dem Militärdienst entlassen wird. Er wäre gerne länger in Vietnam geblieben, denn der Krieg ist seine Heimat geworden. Hinter ihm liegen 625 Stunden Kampfeinsatz. Es ist nichts mehr, wie es einmal war. Da ist kein Therapeut, der auf ihn wartet. Er ist auch kein Kriegsheld mehr, er ist Vietnam-Veteran und gehört zur Kaste der Ausgestoßenen. Seine Gegenwart macht den Menschen ein schlechtes Gewissen. Er erinnert sie daran, dass das Land einen Krieg geführt und verloren hat. Schlaflosigkeit zermürbt ihn. Er wird gewalttätig, betäubt sich mit Drogen, lebt zwei Jahre in einem ausgebrannten Autowrack. Weil er das Geschrei von kleinen Kindern nicht aushalten kann, verlässt er seine Frau und seinen Sohn. Er schmuggelt jahrelang Rauschgift von Afghanistan nach Iran. Darauf steht die Todesstrafe, aber genau dieses Risiko ist es, das er sucht. Rückblickend sagt er, dass er zweifelsohne an einer Posttraumatischen Belastungsstörung gelitten habe. Im medizinischen Sinne leidet er immer noch daran.

Kriegstraumata

Plötzlich versteht er, warum ihn das Schreien seines Sohnes so gepeinigt hat. Der Begriff suggeriert, dass hier eine medizinische Behandlung angezeigt ist wie nach einem Beinbruch. Er gaukelt vor, dass das Kriegsgeschehen und seine Folgen kontrollierbar seien. Aber nicht das Leiden am Krieg sei die Krankheit, sagt Claude Anshin Thomas, sondern der Hass, der zum Krieg führe. Und über sich selbst sagt er, er sei ein ganz normaler Mensch wie jeder andere. Er sei auch nicht mehr oder wenig schuldig als jeder andere. Aber er will die Welt nicht mehr in Gut und Böse, in Opfer und Täter, in Freund und Feind teilen. Es vergehen schlimme Jahre, bis er zu dieser Einsicht kommt. 1990 wird er zu einem Meditationskurs eingeladen, den ausgerechnet ein buddhistischer Mönch aus Vietnam leitet. Als Claude dem Mann, der doch das Gesicht des Feindes hat, erstmals in die Augen blickt, wird er von Erinnerungen überwältigt. Es geschieht genau das, was Psychologen als Aktualisierung bezeichnen: Crew-Chief Claude Thomas aus Pennsylvania, 116. Assault Helicopter Company, ist wieder im Gefecht. Sie sind mit dem Hubschrauber am Rande eines Dorfes gelandet. Die Besatzung wird von Kindern umringt. Als immer mehr von ihnen herbeiströmen, macht sich unter den Soldaten ein unbehagliches Gefühl breit. Einer von ihnen feuert mit dem Maschinengewehr in die Luft. Die Kinder rennen weg, nur ein schreiendes Baby bleibt am Boden zurück. Einige aus der Gruppe gehen auf das Kind zu. Claude zögert. Als er die anderen warnen will, gibt es eine Explosion. Er findet sich am Boden wieder, bedeckt mit Blut und abgerissenen Gliedmaßen. Mehr als 20 Jahre lang war dieses Erlebnis aus seiner Erinnerung gelöscht. Plötzlich versteht Claude, warum ihn das Schreien seines Sohnes so gepeinigt hat.

Heute ist sein Kopf ist kahl rasiert, er trägt das violette Gewand der Soto-Mönche. Seine Knie sind mit Bandagen umwickelt; ein Arzt hat ihn kostenlos operiert. In den vergangenen 15 Jahren ist Anshin zu Fuß auf der ganzen Welt unterwegs gewesen. In allen möglichen Kriegsgebieten hat er mit Soldaten gesprochen. Er glaubt nicht mehr an den gerechten Krieg oder militärische Konfliktlösungen, denn er war selbst schon an einem missglückten Versuch beteiligt. Auch den Kampf gegen sich selbst hat er eingestellt. Beim Abspülen kam ihm vor Jahren der erlösende Gedanke, dass er seine Schlaflosigkeit einfach akzeptieren müsse. Jetzt liegt er nachts im Bett und wartet geduldig, bis ihm irgendwann die Augen wieder zufallen.

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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