Thomas Glavinic: Das Leben der Wünsche

Wehe, wenn alle Wünsche wahr werden

Thomas Glavinic

Thomas Glavinic

Wunscherfüllung einmal anders – als Gedankenexperiment: was wäre, wenn alle unsere Wünsche, auch unsere bösen, in Erfüllung gingen? Stirbt dann die Frau, damit man mit seiner Geliebten ungestört sein kann? Gedeihen dann die Kinder prächtig, aber nur so, wie man sie haben möchte? Steigen dann die Aktien unaufhörlich, trotz gegenteiliger Trends an den Börsen? Werden wir dann von allen Menschen geliebt, von denen wir geliebt werden möchten, und verschwinden alle Menschen aus unserem Leben, die wir unsympathisch finden? Kommt immer genau das in unser Leben, was wir gerade brauchen? Halten wir soviel Glück auf einmal aus – oder kommen wir dann nicht erst recht in eine Krise, weil wir soviel Glück gar nicht verkraften können und wünschen uns dann insgeheim doch wieder etwas mehr Unglück?

Thomas Glavinic mutet seinem Hauptakteur Jonas viel zu – einem 35-jährigen Werbetexter mit einem Haus, einer Frau, zwei Kindern und einer Geliebten. Bis Jonas die gute Fee (hier einen Mann mit Goldkettchen und Bierfahne) trifft, die ihm drei Wünsche erfüllt, ist sein Leben langweilig, frustrierend und eintönig. Er wünscht sich, dass alle Wünsche in Erfüllung gehen, und bekommt bald mehr Abwechslung in seinem Leben, als er sich erträumt hatte …
Ich wünsche allen spirituellen Menschen, die sich viele Dinge vom Universum wünschen, dass sie dieses Buch lesen mögen, denn es macht nachdenklich, auch weil es keine fertige Antwort liefert, sondern den Leser irritiert und ratlos zurücklässt. Es ist also keine Ratgeberliteratur, sondern eher das Gegenteil: eine ratlos machende Literatur.
Das Buch, in nüchterner, sachlicher Sprache geschrieben, entwickelt einen suggestiven Charakter, der einen immer tiefer in die zunehmend irrealer werdende Welt des Protagonisten hineinzieht. Es ist aber auch eine Hommage an das Leben und Liebe, und zwar an das Leben, das wir gerade führen, mit all den schönen und schrecklichen Dingen, die nun mal alle gleichzeitig auf der Welt passieren. Auch wenn wir uns manchmal wünschen, wir wären in einer anderen Zeit, in einem anderen Land oder in eine andere Familie hineingeboren, ist Lebenskunst doch gerade die Kunst, mit den Verhältnissen zurecht zu kommen, in denen wir uns befinden.
Mein Tipp: Wenn du also mal wieder auf dem Opfertripp bist und dich so schrecklich unverstanden fühlst, schlage einfach an irgendeiner Stelle »Das Leben der Wünsche« auf und lies nach, was passieren kann, wenn alle Wünsche wahr werden!

Thomas Glavinic: Das Leben der Wünsche. Hanser Belletristik 2009, 320 S., HC, 21,50 €

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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