Ein Oster-Retreat im Intersein-Zentrum

Leben in Achtsamkeit

Helga und  Karl Riedl führen das Intersein-Zentrum für Leben in Achtsamkeit

Helga und Karl Riedl führen das Intersein-Zentrum für Leben in Achtsamkeit

Ich habe kein Navi im Auto und möchte trotzdem das abgelegene Intersein-Zentrum finden, wo ich mich fünf Tage lang in Achtsamkeit üben will. Trotz Google-Maps und der Versicherung, dass es an der Straße ein Schild gibt, kann ich keins entdecken und irre orientierungslos durch die Gegend. In einem zünftigen bayrischen Wirtshaus frage ich nach einem von Laien geleiteten Zentrum für spirituelle Praxis und Meditation in der Übertragungslinie von  Thich Nhat Hanh, dem Intersein-Zentrum für Leben in Achtsamkeit, was mit einem ungläubigen Achselzucken quittiert wird.

Zartes Grün

Erst als ich nach einem Ort frage, wo gestresste Großstädter nur durch Schweigen und Beten relaxen und zu sich selbst finden können, leuchtet ein verstehendes Wissen in den Augen der katholischen Wirtsleute: »Da müssen’s nur noch den Weg hochfahren und den Schildern folgen.« Tatsächlich sehe ich nach wenigen hundert Metern ein kleines, verwittertes Holzschild mit dem Hinweis »Haus Maitreya«. Meine erste Lektion habe ich verstanden: »Vertraue darauf, dass du den Weg findest, auch wenn er noch so weit entfernt scheint.«
Ich komme zur Abendessen-Zeit an, genieße aber erst mal den grandiosen Ausblick, denn das Zentrum liegt eingebettet inmitten malerischer Hügel in unmittelbarer Nähe zum Nationalpark Bayerischer Wald. Ich setze mich auf eine Bank, die auf einer Anhöhe am Randes des Anwesens steht und den Blick auf ein atemberaubendes Landschafts-Panorama freigibt: Die Bäume tragen ein erstes zartes Grün, aber die in den Senken liegenden Schneereste zeugen noch vom nahen Winter.

Nonverbale Kommunikation

Ulrike, ein Mitglied der elfköpfigen Sangha, die ständig dort lebende spirituelle Gemeinschaft der Praktizierenden, zeigt mir das »Eichelhäher«-Zimmer, dass ich zusammen mit zwei anderen, mir noch unbekannten männlichen Besuchern teile. Ich muss wohl leicht die Augenbrauen nach oben gezogen haben, denn ich werde von Ulrike gefragt, ob mit meinem Bett etwas nicht in Ordnung sei und ob ich ein anderes möchte. Beschämt muss ich mir eingestehen, dass ich unangenehm überrascht war, eine auf dem Boden liegende Matratze und kein richtiges Bett vorzufinden, dies aber verbal nicht kommunizieren wollte und mich zu einer mir unbewussten nonverbalen Kommunikation habe hinreißen lassen. Ich stammele etwas von »Nein, ist schon in Ordnung so« und denke mir, dass die Mitbewohner nicht nur »Achtsamkeit« in ihre Werbe-Broschüre hineingeschrieben haben, sondern sie auch im Alltag praktizieren. Meine zweite Lektion: »Achte darauf, was du sagst und auch darauf, was du nicht sagst.«

Buddha und Jesus

Das Oster-Retreat trägt den Titel »Lebendiger Buddha – lebendiger Christus«. Karl Riedl, der zusammen mit Helga Riedl das Zentrum mit viel Liebe, aber auch Disziplin seit 1999 leitet, wird den rund vierzig aus ganz Deutschland und dem benachbarten deutschsprachigen Ausland angereisten Gästen – darunter vielen, die jedes Jahr wiederkommen – in vier Vorträgen seine Gedanken dazu nahe bringen. Natürlich frage ich mich als blutiger Anfänger (ich meditiere erst seit zwei Monaten regelmäßig) schon, wie ich in mir das Christusbewusstsein und die Buddhanatur entdecken kann, die das im Prospekt angekündigt werden, aber nach fünf Tagen intensiver Zurückgeworfenheit auf mich selbst bekomme ich eine Ahnung davon, was es heißt, ein »Bodhisattva« zu sein. Meine dritte Lektion lautet: »Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen – oder: Übung macht den Meister.«

Aus dem Strom treten

Das Intersein-Zentrum liegt in Nähe zum Nationalpark Bayerischer Wald

Das Intersein-Zentrum liegt in Nähe zum Nationalpark Bayerischer Wald

Bevor die Buddhanatur in mir lebendig werden kann, heißt es fünf Tage lang alles ganz langsam tun: »Aus dem Strom treten« nennt Helga das bei der Begrüßung von uns Neuen – von den 42 Gästen sind nur acht zum ersten Mal hier. Entschleunigung ist also angesagt, beim Treppensteigen, beim Essen, beim achtsamen Tun (jeden Vormittag eineinhalb Stunden putzen oder im Garten arbeiten) – bei allem, was du tust. »Schenkt euch jeden Morgen im Spiegel ein Halblächeln«, sagt Helga noch, und »der Geist sollte uns nicht beherrschen, erlauben wir ihm, sich auszuruhen«, da rast mein Gedankenkarussell schon wie wild, weil ich hin- und hergerissen bin zwischen den tausend Fragen, die ich als Journalist noch habe und dem Verlangen nach innen zu gehen, zur Ruhe zu kommen, in die Stille zu gelangen.

Eingeschlafene Beine

Intersein-Zentrum für Leben in Achtsamkeit in der Übertragungslinie von Thich Nhat Hanh

Intersein-Zentrum für Leben in Achtsamkeit in der Übertragungslinie von Thich Nhat Hanh

Ich beschließe, keine Fragen zu stellen und früh zu Bett zu gehen, denn am nächsten Morgen reißt mich der Gong um 5.30 Uhr aus meinen Träumen, und ich wanke zur Morgenmeditation.
Um 5.55 Uhr gelange ich in den Meditationssaal, verneige mich vor dem Buddha – eigentlich vor meiner Buddhanatur – und begebe mich auf den einzigen noch freien Platz: Ich bin der letzte, falle gleich vom viel zu schmalen Meditationskissen und versuche, mich bei der angeleiteten zwanzigminütigen Meditation nicht auf meine eingeschlafenen Beine, sondern auf meinen Atem zu konzentrieren. Wir sitzen dicht an dicht, und ein leichtes Gefühl der Beklemmung breitet sich in mir aus; der Soziopath in mir beansprucht mehr Platz und der Asthmatiker mehr frische Luft. Ich fange an zu schwitzen und atme in meine Beklemmung, in die Enge meines Brustkorbs hinein in der Hoffnung, dass er sich ein wenig öffnen möge und ich Gedanken, Ängste, Sorgen und Probleme loslassen kann. Dann endlich der erlösende Gong, dem sich eine fünfminütige Gehmeditation anschließt. Das Blut strömt in meine Beine zurück; dankbar nehme ich die Gelegenheit zur Bewegung wahr. Meine stillen Wünsche werden erhört, denn ein Mitglied der Sangha öffnet die Fenster; gierig sauge ich die frische Luft in meine Lungen.

Sonnengruß

Der Meditationsraum

Der Meditationsraum

Dann folgt die Morgen-Gymnastik, und ich entscheide mich für Yoga mit Helga, eine weise Entscheidung, denn schon nach zehn Minuten »Sonnengruß« bin ich wohltuend in meinem Körper angekommen und fange an zu schwitzen, diesmal aber nicht aus Beklemmung, sondern weil mein Puls auf 180 ist. Erstaunt stelle ich fest, dass Helga, obwohl schon fast siebzig Jahre alt, so gelenkig ist wie eine 18-Jährige und alle Übungen mit ruhiger, nicht-außer-Atem kommender Stimme erklärt, während ich und die anderen Praktizierenden schon außer Atem sind: »Ich war steif wie ein Brett, als ich vor dreißig Jahren mit Yoga anfing«, versichert sie uns. Seitdem praktiziere sie jeden Morgen ihr Yoga, dass ihr Frische und ein gutes Körpergefühl beschere. Ich beschließe, ab heute jeden Morgen den Sonnengruß zu machen, um mit siebzig auch noch so jugendlich und fit zu sein wie sie. Meine vierte Lektion lautet: »Es ist nie zu spät, mit etwas anzufangen, solange du es regelmäßig praktizierst.«

Achtsames Tun

Der Empfangsraum mit dem Gong der Achtsamkeit

Der Empfangsraum mit dem Gong der Achtsamkeit

Im Morgenkreis fassen wir uns alle an den Händen, werden uns unseres Atems bewusst, singen ein gemeinsames Lied und werden für »das achtsame Tun« eingeteilt – eine Art Arbeitsmeditation. Ich melde mich zum Glastüren putzen, eine auch in meiner Freizeit außerordentlich befriedigende Tätigkeit, denn sie sorgt für den klaren Durchblick. Während des Tages erklingt in unregelmäßigen Abständen ein Gong, der zum Innehalten, zum Unterbrechen des Redens oder Tuns, zum Wahrnehmen des Atems und damit des Lebens einladen soll. Ich erwische mich dabei, wie ich noch mehr Zeit schinden will, indem ich den Teebeutel noch während des Gongs in das heiße Wasser tauche, damit er während der Pause ziehen kann, und ich so die zwei Minuten Stille nicht vergeude. Wie tief ich von dem Gedanken geprägt bin, mehrere Dinge auf einmal zu tun, um Zeit zu sparen, und mich damit vom »zur Ruhe kommen« selbst abhalte, wird mir erst im Laufe dieses Retreats so richtig bewusst.

Wenn ich spüle, spüle ich

Im Spülraum hängt ein Schild: »Wenn ich spüle, spüle ich; wenn ich esse, esse ich; wenn ich schlafe, schlafe ich.« Genau das ist der Kern des achtsamen Tuns, der täglichen Praxis, die sehr schwer umzusetzen ist und der täglichen Übung bedarf. Nur wer sich voller Aufmerksamkeit auf das konzentrieren kann, was er gerade tut, sei es spülen, spazieren gehen oder einen Bericht wie diesen schreiben, wer sein Bewusstsein wie einen Laserstrahl auf sein jeweiliges Tun – und später auch Denken – richten kann, der nähert sich seiner Buddha-Natur, die ein Leben voller Liebe, Frieden, Glück und Mitgefühl bedeutet. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Zunächst muss ich mal verkraften, dass meine sauber geputzten Glastüren am nächsten Tag vor lauter unachtsamem Anfassen schon wieder voller Fingerabdrücke und Fettflecken sind, und mich weht der Hauch der Vergeblichkeit und die Vergänglichkeit allen Tuns an. »Du musst nichts erreichen, sei einfach wachsam und aufmerksam im Hier und Jetzt«, hält mir eine Teilnehmerin entgegen, als ich mich über die Unachtsamkeit beschwere, wie hier mit geputzten Glastüren umgegangen wird. Meine fünfte Lektion lautet: »Sei tolerant deinen Mitmenschen gegenüber, andere Menschen gibt es nicht.«

Nichts tun

Karl Riedl zitiert in seinem österlichen Vortrag ein Gedicht von Bertold Brecht:

Radwechsel

Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel mit Ungeduld?

»Was will uns Bertold Brecht damit sagen? Er beschreibt eine wichtige innere Bewegung: Wir sollten den Radwechsel – der nichts anderes ist als eine spirituelle Krise – dazu benutzen, den Feldherrnhügel zu besteigen, eine höhere Warte einzunehmen. Wir sind immer noch mit allem verbunden, aber mit einem Abstand, der es uns erlaubt, aus dem (Ver)urteilen auszusteigen und nur das wahrzunehmen, was ist, ohne Bewertung, ohne Urteil, ohne Anklagen, ohne Suchen nach dem Warum, ohne etwas gut oder schlecht zu finden. Ankommen bei uns selbst ist die grundlegende Praxis, der Kern allen Lebens. Wer bin ich? Wo bin ich? Was mache ich gerade? Wir sind es nicht gewohnt, aus dem Strom unseres Denkens auszutreten, wir alle sind mit dem absurden Gedanken verbunden, irgendwann irgendwo anzukommen. Dabei ist selbst der Tod nicht endgültig, sondern nur der Übergang von einer materiellen in eine andere Form der Existenz. Wir müssen lernen, zu stoppen. Stillwerden, hinschauen, das ist der erste Schritt auf einem spirituellen Weg.«

Innere Freiheit

Das bedeute aber nicht, auszusteigen, Urlaub vom Ich zu machen, alles hinter sich zu lassen, denn dann werde alles nur noch schlimmer. Eines Tages kommt dann das böse Erwachen, und man holt zum Rundumschlag aus gegen die bösen Umstande: »Die spirituelle Praxis bedeutet, wenn ich nicht weiß, was ich tun soll, tue ich erstmal nichts, nehme eine höhere Warte ein und frage mich, was tue ich hier eigentlich? Bin ich Opfer oder auch Täter? Am Ende dieses inneren Prozesses der wachen und klaren Selbstbeobachtung steht die Befreiung, die Unabhängigkeit vom äußeren Geschehen. Buddha und Jesus waren sich im Grad der Wachheit und Erleuchtung gleich, sie waren keine Sozialrevolutionäre und haben das System, in dem sie lebten, angenommen. Sie waren aber offen und wach für das Dasein, waren mutig genug, auf das menschliche Miteinander zu achten. Beide hatten einen immensen inneren Freiheitsgrad, der es ihnen erlaubte, den Weg des Herzens und des Mitgefühls zu gehen, auch wenn es gerade eine Gruppe betraf, die gesellschaftlich nicht sehr geachtet war«, erklärt Karl.

Die Auferstehung des Geistes

»Wir alle haben das Potential zu erwachen«, fährt Karl fort. »Es ist an keine soziale Schicht und keine berufliche Position gebunden, das ist die Botschaft von Jesus und Buddha. Die größten Hindernisse der Befreiung sind dabei: Rituale, Gewohnheiten, Konditionierungen. Die bringen uns in das Gefängnis, aus dem wir heraus nicht mehr sehen können, was Sache ist. Ängste, Blockaden, Vorwürfe – alle Formen der Ablehnung setzen uns zu. Wir sind nicht erschöpft, wir haben nur zu viele Baustellen. Wir haben genug Energie, wir müssen nur ein paar Baustellen schließen und die Energie dem Augenblick schenken, dann handeln wir wach und klar, sind präsent und geistesgegenwärtig. Jesus und Buddha haben ihre geistige Kapazität auf Laser umgestellt und nicht auf eine diffuse 20 Watt Nachttischlampe, wie die meisten von uns, das ist das Geheimnis von der Kraft des Geistes. Das ist die Botschaft von Ostern: die Auferstehung des Geistes aus der selbstverschuldeten Trägheit und Stumpfheit«, gibt uns Karl mit auf den Weg.

Gehmeditation

Auf der am Nachmittag stattfindenden Gehmeditation haben wir Gelegenheit, das Gesagte schweigend zu verinnerlichen und in die Praxis umzusetzen. Ich spüre unter den Fußsohlen die verschiedenen Untergründe: Asphalt, Wiese und Laub, die Wärme der Sonne und die Kühle des Schattens. Nehme den unterschiedlichen Vegetationsstand der Bäume wahr, höre das sanfte Plätschern des Wassers und den einsamen Ruf eines Amselhahns. Ich erwische mich dabei, wie ich gerade an nichts gedacht, nur gespürt habe, was um mich ist. Ich fühle mich aufgehoben und geborgen. Meine sechste Lektion lautet: »Es braucht nicht mehr als einen wachen Geist und ein offenes Herz, um sich von der Schönheit des Moments berühren zu lassen.«

Ich-Bezogenheit

Nach meinen ersten Achtsamkeitserfolgen verfalle ich in eine Art Hochleistungsaufmerksamkeitstraining, womit ich mich so sehr unter Druck setze, dass ich wieder in meine alten Gewohnheiten verfalle und mich dafür verurteile, wie erbärmlich wenig ich davon umsetzen kann, was Karl predigt und die Gemeinschaft der Praktizierenden vorlebt. Aber auch hier kommt mir der Vortrag von Karl zu Hilfe: »Das zweite Hindernis auf dem Weg der Befreiung ist die Illusion, dass mein Ego, mein Ich, völlig unabhängig von allem Übrigen existiert. Ohne Ich wären wir nur Tomaten. Wir brauchen ein bewusstes Ich, aber keine Ich-Bezogenheit, die denkt, alles ist nur dazu da, um uns zu ärgern und Probleme zu machen. Wir sollten unser angeblich so böses Ego nicht an die Wand nageln und zerstören wollen, das ist Gewalt. Wir sollten liebevoll mit unserer Ich-Bezogenheit umgehen und auch unsere langsamen Fortschritte würdigen. Wir alle wollen ins reine Land, mit aller Unzulänglichkeit, Fehlerhaftigkeit und Unvollendetheit. Seien wir gnädig zu uns selbst und verzeihen uns, wenn wir wieder in Unachtsamkeit und Unbewusstheit fallen.«

Mitgefühl

Ich bin angekommen, ich bin zu Hause

Ich bin angekommen, ich bin zu Hause

Sehr viel gäbe es noch zu sagen, was fünf Tage Stille und Achtsamkeit mit mir gemacht haben. Nur zwei Dinge, die mich tief bewegt haben, möchte ich aus alledem herausgreifen. Im Morgenkreis haben wir oft gemeinsam das Lied an die »Gottheit des Mitgefühls« gesungen, schon da hat mich ein noch nie erlebtes Gefühl für die Gemeinschaft bewegt. Während des Retreats erreichte Helga die Nachricht, dass ein ehemaliger Teilnehmer und Freund des Hauses im Sterben liege und als letzten Wunsch geäußert habe, noch einmal das Lied an die Gottheit des Mitgefühls zu hören. Da er aber zu schwach zum Reisen war, haben wir es dem Sterbenden am Telefon vorgesungen und ihm damit einen letzten Herzenswunsch erfüllt. Voller Dankbarkeit ließ er durch seine Frau ausrichten, dass er jetzt beruhigt sterben könne. Mir schießen bei der Erinnerung an diesen bewegenden Moment immer noch die Tränen in die Augen, denn es war für mich das erste Mal im Leben, dass ich mich mit allem verbunden gefühlt habe – mit den Menschen um mich herum, mit dem todkranken Menschen am Telefon, ja sogar mit dem ewigen Kreislauf von Geburt du Tod, dem wir nicht entrinnen können.

Schweigen aushalten

Neben dem Innehalten, der Entschleunigung ist vor allem das Schweigen für die Praxis der Achtsamkeit wichtig. Alle Mahlzeiten werden schweigend eingenommen. Zum einen soll das der Nahrungsaufnahme die gebührende Aufmerksamkeit schenken: Die Nahrung ist ein Geschenk des Universums und das Ergebnis von viel Mühe und Liebe. Zum anderen ist es eine gute Übung, dabei auf sein Körpergefühl zu achten und so besser spüren zu können, wann der Körper satt ist, denn oft ist man in Gedanken so weit weg vom Essen, dass der Geist es gar nicht mitbekommt, dass der Körper mehr isst als gut für ihn ist. Das Schweigen ist aber vor allem gut für die menschlichen Beziehungen, so paradox es sich zuerst anhören mag. Schweigendes, einfühlsames Zuhören ist die Grundlage jeder achtsamen Kommunikation, wie auch die Methode der »gewaltfreien Kommunikation« des Amerikanischen Psychologen Marshall Rosenberg zeigt, der sein Modell mit Erfolg schon in höchst konfliktträchtigen Situationen zur Anwendung gebracht hat.
»Je stiller es draußen ist, desto lauter ist es in uns«, sagt Karl weiter. »Deswegen ist es so schwer, die Stille auszuhalten. Dann kommen die äußeren Ängste – es passiert nichts mehr, ich fühle mich ausgegrenzt – und die inneren Ängste vor den eigenen Gedanken, den hervorbrechenden Gefühlen von Sinnlosigkeit. Aber es ist gut, wenn wir die Stille eine Weile aushalten, denn nur in der Stille kommen innere Bilder hoch, die wir dann ausfüllen und so ein erfülltes Leben führen können. Wir wachsen dann in das hinein, was uns von tiefstem Herzen erfüllt«.

Ich bin angekommen

Ich stimme ihm zu: Das gemeinsame Schweigen legt sich wie Balsam um meine von unachtsamen Worten gerissenen Wunden. Ich atme auf, fühle mich angenommen und bei mir angekommen – ich bin zu Hause. Ein letztes Mal besteige ich mit einem breiten inneren Lächeln meinen Feldherrnhügel, setze mich auf die Bank und betrachte die Landschaft, die durch die warmen Ostersonnentage zum Leben erwacht ist. Aus dem Strom treten und innehalten. Uns unseres höheren Selbst bewusst werden, unserer Verbundenheit und Aufgabe im Leben. Wie schön wäre es, wenn man seine innere Glocke auch im Alltagsgetümmel ertönen lassen könnte! Meine siebte Lektion lautet: »Ich bin angekommen, ich bin zu Hause.«

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Über Oliver Bartsch
Online-Journalist, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin, alternative Wohn- und Arbeitsformen, regenerative Energien, Klimawandel, Spiritualität. Gestalttherapeut

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